Licht und Schatten
Dass instrumental mit dieser neuen Mortensen-Produktion wieder Maßstäbe gesetzt würden, stand fast außer Frage. Und in der Tat liefert Mortensens Kopenhagener Ensemble wieder eine Extra-Vorstellung ab, wie man jenseits von Tempo-Wahn und Darmsaitenschnarren Barockmusik „trotz“ historischer Spielweise zum Klingen bringen kann. Das ist ganz toll und das „Licht“ bei der ganzen Sache. Der „Schatten“ sei gleich benannt und gilt sicherlich nicht für alle Hörer. Solostimmen sind immer auch eine Geschmacksfrage. Für meinen Geschmack hatte Mortensen bei den Solo-Männerstimmen und beim „Chor“ nicht immer eine glückliche Hand. Tenor-Evangelist Ed Lyons Timbre ist mir zu kehlig, nicht füllig genüg. Die Stimme strahlt einfach zu wenig in klarer Diktion. Ähnlich Jesus-Bassist Peter Harvey. Ich gebe zu, für Jesus-Partien in Oratorien „echte“, füllige Bassisten zu mögen. Zu denen gehört Harvey nicht. Seine Stimme hat einfach nicht die Statur und Autorität, die ich mir gewünscht hätte. Nun hat der Chor in Händels Passion keine großen Aufgaben. Unter 54 Nummern entfallen mal gerade 17, zumeist auch noch sehr kurze Nummern auf den Chor. Mortensen lässt seine neun Solisten zu einem „Chörchen“ zusammenrücken. Gut - das machen anderen auch, aber besser! Denn irgendwie hört man, dass diese neun Leute neun Solisten sind., weil sie eben weniger chorisch als viel mehr solistisch agieren. Schade eigentlich. Dabei machen die Frauen-Solo-Stimmen ihre Sachen gut und auch an der Interpretation ist nichts auszusetzen, instrumental ja sowieso nicht. Ein sehr ausführliches Booklet ist der Box beigegeben. Ob dies nun die beste Brockes-Passion auf dem Markt ist, vermag ich mangels Vergleiche nicht zu sagen. Seine besonderen Stärken und individuell wahrnehmbaren Schwächen hat sie. Und das hält mich trotzdem nicht ab, eine Empfehlung auszusprechen.