Was damals geschah
Der Prolog blickt ins Jahr 1995. In einem Schullandheim auf Neuwerk haben sie wundervolle Tage verlebt bis zu jener Nacht, als zwei Kinder verschwunden sind. Charlotte, die damals als Lehrerin dabei war, macht sich noch heute Vorwürfe. Sie ist noch länger geblieben, hat jeden Winkel nach Janosch und Isa abgesucht, allerdings vergebens.
„Fünf Fremde“ erzählt von damals, von diesen verhängnisvollen Augusttagen im Jahre 1995 und von heute, als fünf Passagiere an einem Oktobertag 2025 auf der Fähre über die stürmische Nordsee zur Insel Neuwerk unterwegs sind.
Von der etwa drei Quadratkilometer großen Insel Neuwerk, die 15 km nordwestlich von Cuxhaven und 120 km südöstlich von Hamburg liegt, habe ich zuvor noch nie gehört. Romy Fölck beschreibt die Eigenheiten dieser Insel, das umliegende Watt, die erhöhte Turmwurt und auch den Neuwerker Turm (um nur einiges zu nennen) mitsamt den sehr überschaubaren Einwohnern eindrucksvoll. Zunächst nimmt sie mich mit auf die Fähre und stellt die für unsere Geschichte relevanten Personen vor. Ist es Zufall, dass auch Annika Lundt, die Hamburger Kriminalbeamtin, hier ist? Sie kümmert sich um ihre hier lebende Mutter Hedda, die sie immer wieder an einer ganz bestimmten Stelle einsammelt - irgendetwas zieht die zunehmend demente Frau hierhin.
Was passiert hier? Der Sturm wird zunehmend stärker, keiner sollte sich draußen aufhalten und doch scheint da etwas zu lauern – oder sind es „nur“ Geräusche, die der Sturm verursacht? Allerdings sprechen einige unerklärliche Vorkommnisse dagegen. Seltsame Dinge geschehen, es wird direkt unheimlich. Diese beklemmende, ja bedrohliche Atmosphäre ist eindringlich beschrieben, man spürt dieses Düstere hautnah.
Die beiden Zeitebenen werden wechselseitig erzählt. Neben den beiden Vermissten Janosch und Isa sind es Finn, Mats und Bea, die ich nicht alle mit den heutigen Passagieren in Einklang bringe. Bleibt noch Annika, die hier aufgewachsen ist und schon lange in Hamburg lebt und arbeitet. Und da ist noch die Wildtierauffangstation, die neu besetzt werden sollte. Die Übergabe gestaltet sich jedoch ganz anders, als es sein sollte.
Lange tappe ich im Dunkeln, kann mir so einiges nicht erklären. Bis dann doch das ganze Ausmaß dessen, was damals geschah, nach oben drängt. Unerbittlich. Und ja, alles wird bis zum bitteren Ende aufgeklärt. Hier, in der Aufklärung, liegt für mich schon ein Wermutstropfen, denn diesen Schluss, der dreißig Jahre zurückgeht, finde ich nicht schlüssig. Zu abstrakt, zu gewollt, zu konstruiert. Nichtsdestotrotz bleibe ich bei meiner sehr guten Bewertung, der Thriller hat es allemal verdient.