Einfühlsam geschriebene Geschichte um den Schein des familiären Alltags
Nach außen hin bestätigen sie das idyllische Bild vom Familienglück, Mutter Nina kümmert sich neben ihrem Teilzeitjob liebevoll um ihren Mann und die Kinder, Vater Alexander verdient als Oberarzt genug, damit sie den Alltag ohne finanzielle Sorgen genießen können. Tochter Emilia besucht das Gymnasium, Sohn Ben studiert, also alles perfekt, oder? Doch hinter dieser beschaulichen Fassade ist keines der Familienmitglieder wirklich zufrieden, nach und nach bröckelt die Illusion der heilen Welt.
Wie es in so vielen Familien geschieht, war es Nina, die einst um der Kinder Willen ihr Medizinstudium aufgegeben hat und sich nun in ihrer Rolle gefangen fühlt. Obwohl sie ganz offensichtlich alles am Laufen hält, neben ihrem Teilzeitjob den Ehemann und die Kinder umsorgt, gibt ihr der erfolgreiche Herr Doktor das Gefühl, weniger zu leisten als er selbst, da er doch den größten Anteil am Familieneinkommen erwirtschaftet. Allerdings ist Alexander ebenfalls innerlich unzufrieden, er ist sicher, einer von den Guten zu sein und wünscht sich mehr Wertschätzung, immerhin arbeitet er hart, damit alle gut leben können.
Mit ihren sechzehn Jahren sieht sich Emilia bereits erwachsen und empfindet die mütterliche Sorge als Einengung, der sie zu entfliehen versucht, ohne dabei zu bemerken, dass sie sich statt ihren eigenen Weg zu gehen lediglich an die Vorstellung ihres Freundes Julian anpasst. Der introvertierte Ben scheint einfach nur seine Ruhe zu wollen, zumindest im heimischen Umfeld, ganz offensichtlich ist er vom familiären Alltag genervt. Auch er ist nicht mit sich selbst im Reinen, gern würde er in eine eigene Wohnung ziehen und den Mut aufbringen, eine Kommilitonin anzusprechen, für die er heimlich schwärmt.
"Alle glücklich" von Kira Mohn ist eine Geschichte, die einfühlsam beleuchtet, welche unerkannten Probleme hinter der Fassade einer scheinbar so glücklichen Familie vor sich hin brodeln. Mich hat die Beschreibung des Familienalltags schnell in seinen Bann gezogen, die Autorin schreibt so lebensnah, dass ich mich in der einen oder anderen Kleinigkeit durchaus wieder gefunden habe. Die Perspektiven wechseln mit jedem Kapitel zwischen den vier Familienmitgliedern, wodurch ich den Eindruck bekam, sie alle gut zu kennen zu lernen, auch wenn mir nicht alle gleichermaßen sympathisch waren.
Die gesamte Familienkonstellation spiegelt die alltäglichen Sorgen und Probleme vieler Menschen wider, die Autorin beweist hier eine gute Beobachtungsgabe, indem sie ihre Leser tief in die unterschwelligen familiären Konflikte hinein führt. Damit hat sich mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, zwischenzeitlich mochte ich den E-Reader kaum aus der Hand legen. Das Ende hätte für meinen Geschmack gern etwas ausführlicher beschrieben sein dürfen, dennoch bin ich nicht unzufrieden, wenn auch ein wenig nachdenklich zurück geblieben. Für diese direkt aus dem Leben gegriffene Lektüre spreche ich gern eine Leseempfehlung aus.
Fazit: Mich hat diese lebensnahe Geschichte sofort in ihren Bann gezogen und bis zum (zugegebenermaßen recht knapp gehaltenem) Ende nicht wieder los gelassen, auch im Nachhinein kreisen meine Gedanken noch darum. Dieses einfühlsame Leseerlebnis empfehle ich gern weiter.