Großartig!
Harry Hole, Jo Nesbøs erfolgreicher Ermittler, pausiert gerade. Und so schickt Nesbø einen Typen nach vorne, der mit genügend Ecken und Kanten ausgestattet ist – Bob Oz. Es ist ein Stand-alone-Krimi, auch wenn ich bald merke, dass ich gerne mehr von Oz lesen würde. Wie der Titel schon verrät, spielt sich das Ganze im amerikanischen Bundesstaat Minnesota ab, genauer gesagt in Minneapolis, das aktuell wieder in den Schlagzeilen ist, nachdem eine dreifache Mutter von einem Agenten der US-Einwanderungsbehörde ICE erschossen wurde. Diese und ähnliche Schreckensszenarien verleiden mir die USA, unter dem derzeitigen Präsidenten sowieso.
Nun, die Story spielt im Oktober 2016, beginnt allerdings mit der Ankunft eines norwegischen Schriftstellers im September 2022, der – wie er beim Zoll angibt – zu Recherchezwecken anreist. „Ich habe vor, mich in den Kopf eines Mörders zu versetzen…“ denkt er, ohne es laut auszusprechen. „True Crime ist gerade angesagt, die Leute bekommen anscheinend von blutigen Morden nicht genug, insbesondere, wenn den Taten etwas Unerklärliches und Unerwartetes anhaftet… sodass es Raum für luftige Verschwörungstheorien gibt.“ Vor sechs Jahren haben Kameras den angeblichen Mörder erfasst, auf dessen Spur er sich begibt. Diese Rahmen-Story bleibt dezent im Hintergrund, das Hauptmerkmal liegt wie gesagt auf den Geschehnissen im Oktober 2016.
Die Polizei jagt den Killer Tomas Gomez, der ihnen immer den entscheidenden Schritt voraus ist. Die USA und deren gesellschaftliche Konflikte werden dargestellt, das Recht auf Waffen und das viel diskutierte Waffengesetz mitsamt der starken Waffenlobby sind Thema, wie auch Rassismus und die damit einhergehend Migrationspolitik inklusive Polizeiwillkür.
Bob Oz ist gebrochen, er hat seine kleine Tochter verloren, seine Ehe hat diesen Schicksalsschlag nicht überlebt. Seine Trauer mündet in einem hochgradigen Wutproblem, er leidet an Depressionen und hat außerdem noch eine ganze Reihe anderer Probleme. Er ist exzentrisch, trägt aus guten Gründen keine Waffe, ist eher ein Einzelgänger und doch erkennt seine Kollegin Kay Myers sein Potential, anders als so manch anderer. Zunächst war mir Bob Oz eher suspekt, bald aber konnte ich ihn nur zu gut verstehen. Er schaut genau hin, jagt einen Killer, der sehr schlau agiert, der auf seinem Rachefeldzug gegen Drogenbosse und Waffenhändler immer wieder entkommt. Spätestens als ein Anschlag auf den Bürgermeister im Raum steht, erkennt Oz ein Muster…
Nach dem Lesen dieses absolut großartigen Kriminalromans ist mir wiederum bewusst, warum ich Jo Nesbø so sehr schätze. Oz & Co haben alles, was es braucht, um ins Geschehen abzutauchen und es braucht nur einige Namen wie etwa George Floyd oder Trump, die geschickt eingebettet werden, um den Bezug zur amerikanischen Wirklichkeit zu erkennen. Dabei überlässt es Nesbø seinen Lesern, weiterzudenken. Es ist ihm ein spannender Krimi gelungen, der keine actionreichen Szenen braucht, um dem ganzen Szenario, den verschiedenen Sichtweisen und den Perspektivwechseln atemlos zu folgen. Er bietet erstklassige Unterhaltung vom Feinsten, die verschobenen gesellschaftlichen Werte der heutigen USA inklusive der fragwürdigen Moral werden infrage gestellt, ohne belehrend zu sein. Absolut lesenswert!