Anspruchsvoll und radikal und gerade deshalb lesenswert!
Eigentlich kann man Sprache und Worte allein gar nicht verwenden, um diesen multifaktoriellen Roman zu beschreiben. Ich sitze an dieser Rezension und da ist Leere. Aber eine gute Form von Leere. Alles dreht sich, alles wiederholt sich, alles ist eins. Oder eben Null… oder 10hoch10hoch10hoch32 oder so.
Wenn man sich an irgendetwas festhalten will, um den Inhalt dieses Romans darzulegen, dann wahrscheinlich am ehesten an Franziska Denk und Otto Mandl. Die Geschichte setzt in den früher 1930er Jahren in Wiens Salons ein, in denen sich die zeitgenössische Elite der Philosophie und Wissenschaft treffen. Schon als Kind nimmt Franziska daran teil, erleidet allerdings krankheitsbedingte Zusammenbrüche, da sie jedes Symptom, von dem sie liest oder hört, sofort selbst ausbildet. Ihre Jugend im US-amerikanischen Exil wird sehr einsam sein, ebenso wie die von Otto, der als Kind, getrennt von seinen Eltern nach Großbritannien verschifft wurde. Sie finden über eine Brieffreundschaft zueinander und werden ein Leben lang miteinander verbunden sein. Aber um ehrlich zu sein, ist dies nur eine sehr, sehr lose Rahmenhandlung, die mit dem vorliegenden Roman eigentlich nicht viel zu tun hat.
Eigentlich geht es hier um Sprache und Mathematik, um Philosophie und Wissenschaft. Jedes Kapitel - eigentlich jede Seite - bringt neue Überraschungen bezüglich ebenso hoch anspruchsvoller Theorien und mitunter im selben Atemzug schreiend komische Ideen. Hier wird die Welt aus dem Nichts hergeleitet und sie verschwindet auch im Nichts. Denn Franziska Denk (oder das Konzept Franziska Denk) wird mit Otto eine Sekte gründen, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat mithilfe von Philologie und Mathematik erst eine gänzlich neue Sprache und letztlich die Auslöschung der Sprache voranzutreiben. Dabei kommt es zu aberwitzigen Beschreibungen, die man selbst gelesen haben muss, denn eine nachträglich Verschriftlichung in einer Rezension entbehrt jeder Logik und jedem Sinn.
Klingt jetzt alles sehr kryptisch. Ist es auch!
Neben den vielen beschriebenen Theorien aus verschiedenen Disziplinen, die es zu verstehen gilt, oder eben nicht, wird die virtuose Verflechtung von Fiktion und Realität (Was ist das überhaupt? Fragt man sich während und nach der Lektüre.) zu einem anspruchsvollen Bestandteil des Schreibens von Elias Hirschl. Versucht man zu Beginn noch beides auseinanderzuhalten, lässt man sich im Verlauf des Romans immer weiter von den Schleifen der Geschichte davontragen.
Mir persönlich hat die erste Hälfte des Romans, welches den „Teil 1“ ausmacht am besten gefallen. Hier konnte ich mich in verschiedenste Theorien und Gedankenspiele vertiefen, lachte immer wieder laut auf und war begeistert von Hirschls Schreiben und Geistesinhalte. Ab „Teil 2“ und auch im abschließenden „Teil 3“ des Romans kumulierten sich die Längen. Hirschl setzt das um, was er auf Seite 340 schreibt:
„All die verschiedenen Konzepte. All die Begriffe, die sich vor ihren Augen auflösten. Vielleicht verhielt es sich ähnlich mit den Quellen. Vielleicht machte es keinen Unterschied mehr, wo eine Information herkam, wie die Biografie einer Idee aussah. Alles war unübersichtlich, löchrig, brüchig geworden.“
Und so wird auch die Welt, in der „Schleifen“ spielt immer unübersichtlicher, löchriger und brüchiger. Alles löst sich auf, beginnend mit der Sprache.
Elias Hirschl beherrscht definitiv die Sprache. Und auch vieles mehr. Ich empfand den ersten Teil des Romans brillant, den Rest sehr gut, wenn auch „schleifend“. Genau das ist sicherlich gewollt, war mir dann aber ein Tacken zu viel. Letztlich kann ich nur empfehlen, mutig zu sein, und sich an diesen Roman heranzuwagen. Es gibt unendlich (oder annähernd unendlich, nicht zählbar) viele Perlen zu entdecken. Und Schleifen sowieso!
Ich habe selten einen so fordernden Roman gelesen, der gleichzeitig beim Lesen so viel Spaß gemacht hat. Bis auf kleine Längen wirklich ein Erlebnis.
4/5 Sterne