Die Frage nach der Schuld
Ein 19jähriger Schüler treibt tot in der Havel. Sein reicher Vater scheint eigene Ermittlungen aufzunehmen und versucht, die Kriminalisten Paula Osterholz und Henry Wullitzer vom Kommissariat in Potsdam auszubremsen. Und auch, als eine weitere Schülerin verschwindet, stoßen die Ermittler bei den betuchten Familien auf Widerstand ….
Frank Hagedorn ist ein norddeutscher Autor, der unter dem Mädchennamen seiner Mutter veröffentlicht. Mit Schatten von Potsdam“ legt er den mittlerweile dritten Fall aus der Reihe „Paula Osterholz ermittelt“ vor, der sich problemlos ohne Vorkenntnis der beiden vorhergehenden Fälle lesen lässt.
Auch, wenn diese Reihe stark lokal in Potsdam verankert ist und der Autor die Leser*Innen zu vielen markanten Orten mitnimmt, geht „Schatten von Potsdam“ inhaltlich weit über einen Regionalkrimi hinaus.
Dass Frank Hagedorn bereits an vielen Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt hat, findet sich wieder in seinen überaus bildhaften und atmosphärisch dichten Beschreibungen. Der Schreibstil ist flüssig, die Perspektiven wechseln häufig, auch innerhalb der Kapitel, was einiges an Aufmerksamkeit erfordert.
Besonders interessant ist, dass Hagedorn überwiegend als personaler Erzähler über Pascal, den Schuldigen, erzählt. So weiß der Leser fast von Anfang an, wer für die Todesfälle verantwortlich ist und erfährt eine Menge über die dahinter stehenden Motive. Dies tut der Spannung jedoch keinen Abbruch; im Gegenteil ist die Spannungskurve im gesamten Verlauf auf hohem Niveau bis hin zum dramatischen Show-Down.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen das Mobbingopfer Vicky und ihr geschiedener Vater Pascal, der nach einem eigenen Gefängnisaufenthalt die Nähe zu seiner Tochter nicht verlieren will und diese daher stalkt – und so in etwas hineingezogen wird, worin er sich immer weiter verstrickt. Mit viel psychologischem Feingefühl und Gespür für seine Figuren teilt Hagedorn hier nicht in Gut und Böse ein, sondern hebt die authentischen und mehrdimensionalen Figuren auf eine andere Ebene: Der Krimi hat für mich dadurch schon einen rechtsphilosophischen Ansatz und stellt die Frage nach moralischer Schuld bei verschiedenen Akteuren.So kommen auch viele gesellschaftspolitische Themen zur Sprache, wie Mobbing, Influencertum, Korruption usw., über die gerne und viel diskutiert werden sollte.
Lediglich die Rolle von Vicky, Pascals Tochter, ist für mich nicht ganz zu Ende erzählt. Ihre Figur in dem Ganzen wurde etwas vernachlässigt und eine avisierte Wendung findet keinen Abschluss.
Überraschenderweise kommt den Ermittlern Paula und Wullitzer (mich störte ein wenig das Zusammenspiel vom Vorname bei der weiblichen Ermittlerin und Nachname beim männlichen Ermittler) eher ein wenig eine Statistenrolle in der Handlung zu. Sie ermitteln zwar, aber das eigentliche Krimigeschehen findet an anderer Stelle statt.
Allerdings hat Paula auch einen persönlichen Fall am Hals, der sich sogar auf das Team auswirkt. Hier fehlte mir ein wenig Vorkenntnis aus den ersten beiden Bänden; es macht aber auch Lust, die Fortsetzung zu lesen, um zu erfahren, wie Paula dieses Problem lösen wird.
„Schatten von Potsdam“ ist ein spannungsgeladener, psychologisch dichter Krimi mit überraschenden Wendungen und starken Figuren, den ich unbedingt weiterempfehle. Ich freue mich schon auf den nächsten Teil der Reihe!