Zwischen Traum, Schatten und der Wahrheit
„Ich hatte Heimweh, nach einem Ort, an den ich mich nicht erinnern konnte.“
… und den ich als Leserin gerade erst kennenlernen durfte.
Ich bin berauscht, fasziniert und verzaubert - nicht nur von dem Traumstaub, den man zwischen all den schönen Wörtern schweben spürt, sondern erst recht von dem Worldbuilding, den Charakteren, der Atmosphäre, der ganzen Geschichte!
Mich hat das Buch so überrascht. Die Kurzbeschreibung hatte mein Interesse längst geweckt - denn so gut, wie es klang, erhoffte ich mir einiges, wünschte ich mir alles.. Doch ich wollte diese Hoffnung nicht zu groß werden lassen, nicht so laut, dass sie mir die Geschichte vorwegnehmen würde. Ich wollte unvoreingenommen lesen, ohne meine eigenen Vorstellungen über alles zu legen. Und dann, ja dann, wurde ich aber so positiv überrascht!
Bitte, Magdalena Gammel - was hast du hier für eine zauberschöne Geschichte für uns gewoben?! Ich war so gefangen in deinem „Erzähl-Mandala“, das du großzügig über uns ausgebreitet hast, dass ich mich als Teil der Gruppe fühlte. Mit Lio, Izan, Bria, Kasmar und Haze saß ich am Lagerfeuer, war ebenfalls zu „Pferd“ unterwegs, stellte mich dem Training und machte beim herzlichen Geplänkel mit, habe Anjul jedes Mal aufs Neue bewundert und wünsche mir nun, ja ehrlich, ebenfalls einen sarkastischen Nyxan an meiner Seite.
Auch bin ich hin- und hergerissen, welcher Weg der richtige ist und welche Seite gut oder böse sein soll - oder sind beide Wege vielleicht „einfach nur“ grau? Dunkelgrau, Hellgrau..? Einfach beide Wege mit so unterschiedlichen Farbabstufungen, immer mal heller, immer mal dunkler - aber jeder mit ihrer eigenen (selbsterklärten) Daseinsberechtigung?
An manchen Stellen war das Gefühl von „zu viel“ Beschreibung präsent, doch, wenn man sich aber fallen lässt und dem wirklich großartigen Schreibstil erliegt, wirkt alles einfach genau richtig. Der bildhafte Stil trägt die Geschichte mit der passenden Intensität an die richtigen Orte. Er passt, weil alles von Magie durchzogen ist - die Welt, die Magdalena Gammel geschaffen hat, funktioniert genau so und bringt all das glaubhaft rüber. Das gesamte Buch funktioniert genau so - von der Gestaltung, den Illustrationen, Karte, Farbschnitt und Glossar bis hin zu Wörtern, Orten, Kreaturen, Wesen und Charakteren - Alles hält für mich eine wunderschöne Balance - sodass dieses „zu viel“ sich am Ende genau richtig anfühlt.
Die Amnesie von Lio, die uns Stück für Stück durch die Geschichte führt, ihre glaubwürdige Entwicklung, die Dynamik zwischen den einzelnen Figuren, das Machtspiel der unterschiedlichen Parteien, der sich stetig steigernde Spannungsbogen, die Intrigen, das Geheimnisvolle - und Izan, der mehr ist und mehr handeln muss, auch wenn es vielleicht nicht das vermeintlich Richtige ist, sondern das Richtige in diesem Moment. Das Richtige für die Sache. Das Richtige für Alle und Alles..?
Für mich ist die Welt, die Magdalena Gammel geschaffen hat, nicht nur ein Lesehighlight, sondern ein echtes Fantasy-Erlebnis: ein frisches Setting, ein starkes Magiesystem, überzeugende Charaktere, und Wesen, die man fürchten sollte. Und sie lässt mich nicht nur mit großer Vorfreude auf Band 2 zurück, sondern auch mit der Frage:
Stecken wir vielleicht in einer Traumsequenz fest; und wenn ja - wem gehört sie?