Fesselnde Lektüre in schonungslos direktem Schreibstil
Vom ersten Moment an ist Waldo von Mr. Korgy, ihrem neuen Lehrer für kreatives Schreiben, fasziniert, obwohl er deutlich älter als sie ist und sein früher sicherlich recht gutes Aussehen bereits in wachsendem Bauchumfang und müden Augenringen verloren geht. Doch seine schmerzhaft ehrliche Art zu kommunizieren erhebt ihn für die siebzehnjährige Schülerin weit über die Jungen ihrer Altersklasse, mit denen sie bereits belanglose Beziehungen geführt hatte. Nur von Mr. Korgy fühlt sie sich wirklich gesehen und so setzt Waldo alles daran, ihrem Lehrer näher zu kommen.
"Half His Age" von Jennette McCurdy ist ein unerwartet intensives Leseerlebnis, das mich derartig gefesselt hat, dass ich es ohne Unterbrechung komplett durch gelesen habe. Dabei war ich anfangs noch unschlüssig, ob ich mir dieses Buch geben möchte, der Klappentext und eine erste Leseprobe haben mich zwar neugierig gemacht, aber auch ein wenig abgestoßen. Doch je weiter ich gelesen habe, umso stärker hat sich die Sogkraft des schonungslos direkten Schreibstils entfaltet. Es hat dennoch eine Weile gedauert, ehe ich mit Waldo warm geworden bin, die Handlung ist in der ersten Person aus ihrer Perspektive geschrieben und die nahezu brutal offenherzige Erzählweise, die weder einen Schweißfleck noch jegliche sonstige Körperflüssigkeiten auslässt, macht sie nicht unbedingt zu einer Sympathieträgerin.
Erst nach und nach zeigt sich unter ihrer abgeklärten Art die Vernachlässigung durch Waldos alleinerziehende Mutter, die viel zu früh ein Kind bekommen hatte und es immer noch nicht auf die Reihe kriegt, erwachsen zu werden. Bereits als kleines Kind musste Waldo sich in depressiven Phasen um ihre Mutter kümmern, neben der Schule geht sie arbeiten, nicht nur um sich Dinge leisten zu können, die andere Teenager ganz selbstverständlich von ihren Eltern erhalten, auch alltägliche Ausgaben wie z.B. die Stromrechnung bezahlt die Schülerin von ihrem Lohn. Den ausgeprägten seelischen Hunger befriedigt sie mit Bulimie-Shopping und oberflächlichen Beziehungen, dabei hat sie einen klaren, von Zynismus geprägten Blick auf die eigene Situation.
Dieser Zwiespalt - unsere Hauptfigur pendelt zwischen wacher Intelligenz und emotionaler Verlorenheit - hat mich zunehmend fasziniert, den Roman habe ich wie ein Verkehrsunfall empfunden, etwas das ich eigentlich gar nicht sehen möchte und dennoch konnte ich den Blick nicht davon abwenden. Mein Mutterherz hat stellenweise für Waldo geblutet, dann gab es Szenen, in denen ich sie gern geschüttelt hätte, während der gesamten Lesezeit war ich emotional tief in ihr Leben involviert und habe das gesamte Gefühlsspektrum an ihrer Seite durchlaufen. Diese Lektüre hat sich weit außerhalb meiner Komfortzone bewegt, dennoch hatte ich extrem fesselnde Lesestunden und empfehle die herausfordernde Geschichte gern weiter.
Fazit: Der schonungslos direkte Schreibstil macht diese Lektüre zu einer emotionalen Herausforderung, die mich in unerwartetem Maß gefesselt hat. Für den intensiv erzählten Roman spreche ich gern eine Leseempfehlung aus.