Nordische epische Fantasy
Als typischen Fan des Autors würde ich mich nicht bezeichnen, aber ein paar seiner Bücher fand ich doch lesenswert, daher war ich neugierig, welche Geschichte Anthony Ryan nun mit „Flut aus schwarzem Stahl“ zu erzählen weiß.
Die Geschichte wird (mehr oder weniger) in drei Handlungssträngen erzählt: Der erste handelt von Ruhlin, der in einem Dorf an der Küste einer nordisch-wikingerhaft anmutenden Welt lebt. Ruhlin lebt bei seiner Großmutter Bredda, die ein strenges Regiment führt. Doch das ist schnell ein vergleichsweise kleines Problem, da Schiffe mit rotem Segel auftauchen, deren Besatzung das Dorf letztlich auslöscht. Ruhlin überlebt und wird zum „magisch begabten Zerstörer“, der auf Rache sinnt. Daneben gibt es Thera, eine Dienerin der Schwesterköniginnen, die das Reich regieren. Sie soll klären, was es mit Schiffen, die unter dem Segel eines alten Kultes segeln und das Reich zu unterjochen scheinen, auf sich hat. Der dritte Strang handelt von Felnir, der versucht, seine Schwester Thera von ihrer Position zu verdrängen.
Klar ist schon, wenn man das Buch in die Finger nimmt, welchem Genre es angehört: epische Fantasy, über 600 Seiten lang. Das ist nicht als Warnung gedacht, man sollte sich dessen jedoch bewusst sein – und auch, dass dieser Band erst der Auftakt zu einer Reihe ist. Entsprechend gibt es viel Text, der für Figureneinführung sowie Worldbuilding anfällt, was manchem als Länge erscheinen dürfte. Apropos Figuren: Da wäre einmal Ruhlin, ein zunächst etwas bequem wirkender junger Mann, der jedoch im Angesicht der Katastrophe zum Helden mutiert, was Ryan mit einer „Prise“ magischer Herkunft motiviert. So weit so glaubhaft für das Genre. Mit dem Geschwisterpaar Thera und Felnir schafft er überdies Raum für ein klassisches Motiv (Geschwisterkonflikt – mit etwas klischeehaft typischer Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, aber nicht durchgängig). Daneben geht es um für das Genre typische Motive: Erbe, Rache, Schuld … Durch das langsame Zusammenführen der drei aus den Perspektiven der Protagonisten erzählten Handlungsstränge (dabei unterschlage ich Elvines Perspektive bewusst) baut sich langsam immer mehr Spannung auf – und ja, langsam: Von epischer Fantasy ist man ja gewohnt, dass es eine Weile dauern kann, bis man so richtig drin ist, das gilt hier aber definitiv, weshalb diese Geschichte nichts für Menschen ist, die „nebenbei“ mal ins Genre einsteigen wollen, denn den Text muss man sich in gewisser Weise „erarbeiten“. Außerdem sollte man für „Flut aus schwarzem Stahl“ nicht zu zart besaitet sein: Da gibt es nicht mal ein bisschen Blut – es fließt in Strömen und es wird auch mal unappetitlich. Wenn man sich damit arrangieren kann, wird man mit einem komplexen Worldbuilding (zwar nicht kernerschütternd neu, aber gut, mit nordisch-mythischer (Bild-)Sprache) und einem sehr flüssig zu lesenden Schreibstil (mit kleinen beinah komisch wirkenden lakonisch-lapidaren Nebenbemerkungen) belohnt. Sicher kein Buch für breite Massen, aber für Fans des Genres bzw. Autors ein guter Punkt, um in eine neue Welt einzutauchen.