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    Magnolia

    Aktiv seit: 05. November 2023
    "Hilfreich"-Bewertungen: 17

    Bitte beachten Sie

    Wir können nicht sicherstellen, dass die Angaben von Verbrauchern stammen, die das Produkt tatsächlich genutzt oder erworben haben.

    304 Rezensionen

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    Akte Nordsee - Die letzte Predigt

    Eva Almstädt
    Akte Nordsee - Die letzte Predigt (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    01.06.2026

    Der tote Pastor

    Band vier um die Rechtsanwältin Fentje Jacobsen und Niklas John, den Journalisten, beginnt nach dem ziemlich heftigen Prolog damit, dass Niklas sie zu Alexander, seinem Vater, mitnimmt. Alexanders abfälliges Verhalten lässt Fentje dann fluchtartig das Haus verlassen. Blöd nur, dass Niklas einer momentan obdachlosen alten Freundin sein Gästezimmer anbietet. Die Verwicklungen sind vorprogrammiert, aus Fentje und Niklas Zweisamkeit wird wohl nichts.
    Die Pfarrgemeinde indes bereitet sich auf die Feierlichkeiten zur silbernen Konfirmation vor, dabei begegnen sich alte, zum Teil längst vergessene Schulfreunde wieder. Sie blicken zurück, stellen fest, dass damals auch der jetzige Pastor Tammo Gerdes schon damals, in einem Ferienlager, dabei war. Und nun wird er tot aufgefunden. Ertrunken soll er sein. Seine schon vorbereitete Predigt hat er nach einem ziemlich aufschlussreichen Gespräch kurzentschlossen umformuliert – hat dies zu seinem Tod beigetragen? War es doch kein Unfall? Die Polizei ermittelt. Als dann eine weitere Leiche gefunden wird, gerät Niklas in Verdacht.
    Fentje und Niklas, die beiden Hauptakteure der Akte Nordsee-Reihe, sind mir aus den Vorgängerbänden wohlbekannt. Beide Charaktere sind treffend skizziert, auch zu den anderen Personen habe ich eine konkrete Vorstellung.
    Der Focus liegt schon im Hier und Jetzt, daneben aber blicken wir zurück, erfahren von längst vergangenen Aktionen. Ob diese Nebenhandlungen für die Aufklärung der Todesumstände von Gerdes und der weiteren Toten wichtig sind? Viele Ungereimtheiten lassen in eine bestimmte Richtung denken und doch frage ich mich, ob – und wann ja – wie diese eingeflochtenen Geschichten dazu beitragen, Licht ins Dunkle zu bringen. Für meine Begriffe waren es zu viele irritierende Erzählstränge, die ich mit der eigentlichen Story nicht so recht in Einklang bringen kann.
    Was es mit dieser letzten Predigt auf sich hat, wird letztendlich klar. Auch andere beim Lesen aufkeimende Fragen sind geklärt, die actionreiche Auflösung ist spannend, auch wenn sich die Story zuvor schon etwas zieht und so manch Aktion sehr konstruiert wirkt.
    Kurz: Diesen vierten Band empfinde ich schwächer als die Vorgängerbände, es sind ganz einfach zu viele Geschichten dazwischen, die schon in die Irre führen, was wahrscheinlich so geplant ist, die aber dennoch eher als Fremdkörper fungieren. Davon abgesehen ist der Krimi gut zu lesen, wenngleich so manch Aktion dilettantisch anmutet.
    Träume aus Feuer

    Florian Illies
    Träume aus Feuer (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    01.06.2026

    Anregende Reise durch die Welt des (rubinroten) Glases

    Florian Illies, der „große Geschichtenerzähler“, wie die Süddeutsche ihn so treffend beschreibt, erzählt in seinem neuesten Werk „Träume aus Feuer“ von dem Alchimisten und Glasmacher Johannes Kunckel.
    Der erste Blick aufs Buch nimmt mich mit in die faszinierende, in allen Farben schillernde Welt des Glases. Durch die rubinroten Scheiben meine ich, die noch wilde Pfaueninsel zu erkennen. Die Insel, an der Havel im Südwesten Berlins gelegen, die der Große Kurfüst Friedrich Wilhelm ihm einst geschenkt hat. Wir sind im Jahre 1685, als Johannes Kunckel mit der Schenkung auch die Rechte erhält, die für die Glasherstellung notwenigen Öfen sowie ein Laboratorium zu erbauen, auch sollen sich seine Helfer mit ihren Familien hier ansiedeln und selbst versorgen, sie also autark leben und arbeiten. „Die Pfaueninsel, das ist seine (Kunckels) Lizenz zum Träumen.“
    Davor schon war der Große Kurfürst von Kunckel sehr angetan, auch wenn er einsehen musste, dass auch dieser kein von ihm so begehrtes Gold herstellen konnte. Dafür aber erfuhr er so einiges über die Welt der Alchemie und die für die Glasherstellung notwendigen Substanzen. So verbrachten sie viele Abende miteinander, Kunckel war alsbald sein Vertrauter, er wird zum Geheimen Kammerdiener ernannt. Was des Kurfürsten Sohn Friedrich mitsamt seinem Kammerdiener Eberhard Danckelmann sehr missfällt. Sie nennen Kunckel einen eitlen Selbstdarsteller, neiden ihm seine Stellung beim Großen Kurfürsten.
    Reinstes Glas, ohne Bläschen, in einem Rubinrot, das zuvor noch keiner herstellen konnte, war Kunckels Meisterwerk. Ein Rubinglas von besonderer Leuchtkraft, sehr zur Freude des Großen Fürsten und seiner zweiten Ehefrau Dorothea. So manch Pokal veredelte der Hofglasschneider Martin Winkler mit Jagdszenen und anderem Zierwerk, der Mode der Zeit entsprechend.
    Daneben wird der geschichtliche Hintergrund in jener Zeit angerissen und soweit beschrieben, wie es für diese Geschichte und den hier vorkommenden Personen notwendig scheint. Illies lässt etwa den Großen Kurfürsten von seinem Reich erzählen und auch erfahren wir von seiner Familie und den Eifersüchteleien der Kinder aus erster Ehe und von denen, die früh verstorben sind. Überhaupt war die Kindersterblichkeit groß, auch Kunckel blieb davon nicht verschont.
    Im Focus jedoch steht die faszinierende Welt der Glasherstellung aus jener Zeit, als der Alchimist Johannes Kunckel dem Glas Farbe und Glanz verleiht. Sein Rubinglas war einzigartig und nicht nur dieses, auch sein kobaltblaues Glas war heiß begehrt. Kunckels Leben und Wirken wird zuletzt nochmal stichpunktartig in der Rubrik NACHGLÜHEN wiedergegeben.
    Illies bildhafter Erzählstil macht das Buch zu etwas Besonderem, er bringt auf wenigen Seiten die „Träume aus Feuer“ zum Glühen und danach zum Funkeln. Mich hat er damit tief beeindruckt und nicht zuletzt den Wunsch erweckt, mir die Pfaueninsel demnächst anzusehen.
    Die Welt in Meran - Schattenflamme

    Angela Marina Reinhardt
    Die Welt in Meran - Schattenflamme (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    29.05.2026

    Absolut lesenswert

    Schon das erste Buch „Die Welt in Meran. Walzerblut“ habe ich mit Genuss gelesen und nun treffe ich wiederum auf Helen von Burt und auf ihre beiden Verehrer – den Korsen Jean de Benedetti und den Erbgrafen Maximilian von Montalban. Wir schreiben das Jahr 1874, zwei Jahre zuvor waren es der Kurbetrieb und die Maskenbälle. Das erste Buch führt ein in die damalige Gesellschaft und deren Gepflogenheiten und nun sind wir mittendrin im Wiener Börsenkrach, als sich die Wege der drei Hauptakteure erneut kreuzen.
    Das Hineinfinden in das zweite Buch „Die Welt in Meran. Schattenflamme“ ist dank des Personenverzeichnisses, das gut gegliedert dem Geschehen voransteht, auch für Neueinsteiger nicht schwierig. Das Schicksal führt – wie schon zwei Jahre zuvor, auf oben erwähntem Ball - Helen, Jean und Max zusammen, jedoch ist in der Zwischenzeit doch so einiges geschehen. Auch wird von dem Waisenmädchen Rosa, von Sigmund Hirsch, dem Arzt - um nur mal die beiden zu nennen - weitererzählt.
    Die ersten Kapitel sind übertitelt mit Verliebt. Verlobt. Verheiratet. Wer denn die Glücklichen sind, sei hier nicht verraten. Nur so viel – es kommt anders, als ich zunächst gedacht habe. Und wir bleiben nicht ausschließlich in Meran, es geht auch nach Wien – es ist eine, wie sich später herausstellt, schicksalhafte Entscheidung.
    Die einzelnen Charaktere, ihr gesellschaftlicher Stand und deren damit oftmals einhergehenden Standesdünkel sind gut herausgearbeitet, auch ist die patriarchalische Denkweise nach wie vor fest verwurzelt. Angela Marina Reinhardts Hauptfiguren sind fiktiv, sie verwebt deren Geschichte mit historisch belegten Nebenfiguren, die so auch im Personenverzeichnis gekennzeichnet sind. Merans Stadtgeschichte, die Heilanstalten, die Schlösser und all die Bauten und Orte sind erkennbar und was mit ganz besonders gefällt, sind die Gedichtzeilen, die jedes Kapitel einleiten.
    Auch dieses zweite Meran-Buch, die „Schattenflammen“, habe ich verschlungen. Es war ein faszinierender Aufenthalt in und um Meran, ein lesenswerter zweiter Band, dem hoffentlich bald der nächste folgen wird.
    Unerwünschte Töchter.

    Miriam Carbe
    Unerwünschte Töchter. (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    28.05.2026

    Von Müttern und Töchtern – eine bewegende Familiengeschichte

    Am Anfang ist es dieser Schrank, den Margarethe, Miriams Urgroßmutter, 1912 in Dresden fertigen ließ und der nun bei ihr, der Urenkelin, steht. In ihm finden sich viele Notiz- und Tagebücher sowie Erinnerungsskizzen von den Frauen ihrer Familie. Von Urgroßmutter Margarethe, von Großmutter Marianne und von Miriams Mutter Monika. Der älteste Eintrag stammt von 1908 - sie schrieben über ihr eigenes Leben und auch übereinander.
    Nach dem Tod ihrer Mutter 2021 hat Miriam diese Erinnerungen geerbt, sie hat sie gesichtet und beschlossen, ihre Familiengeschichte niederzuschreiben. Es ist eine persönliche Geschichte geworden, geprägt vom zeitgeschichtlichen Hintergrund.
    Der Roman beginnt um 1900, der Erste und der Zweite Weltkrieg nimmt ihnen ihre Männer, ihre Söhne und ihre Brüder. Der Nationalsozialismus ist allgegenwärtig, rassistisches Denken bleibt nicht aus, genau so sind es Standesdünkel. Sie ziehen oft um, gehen vor dem Bau der Mauer in den Westen, bei John F. Kennedys legendärem Staatsbesuch 1963 ist Monika in Berlin. Nicht unbedingt JFKs wegen, sie ist ja noch jung und verliebt ist sie auch. Dies ist ein kurzer Abriss dessen, was Miriam Carbe von ihnen zu berichten weiß, von den schicksalhaften Begegnungen und Begebenheiten, von ihrem Leben und ihren Lebensentwürfen und den Risiken, die auf die ein oder andere Weise jeder einzelne ausgesetzt ist.
    „Unerwünschte Töchter“ waren sie alle, die Gründe dafür unterschiedlich. Literatur ist für sie existenziell, sie haben mit den politischen Unwägbarkeiten zu kämpfen, gesellschaftliche Konflikte bleiben nicht aus, so manch Identitätskrise ist zu bewältigen.
    Die oben erwähnten Aufzeichnungen geben die Struktur dieses Romans vor, angereichert durch fiktionale Sequenzen. Es ist ein sehr intensiv erzähltes Buch geworden, festgehalten von der unehelich geborenen Miriam. Was noch nicht mal das Schlimmste war, denn ihr Vater ist Nigerianer- der eigentliche Schock für die Familie. Ihre Urgroßmutter Margarethe, die 96 Jahre alt werden durfte, hat von ihrer Existenz erst erfahren, als sie drei Jahre alt war.
    Das Buch ist so viel mehr als „nur“ eine Familiengeschichte. Es dringt tief ein in die Geschehnisse dieser Zeit, vermittelt ein eindringliches Bild über mehr als ein Jahrhundert hinweg, aus Sicht der Frauen über vier Generationen. Zu jeder einzelnen dieser Frauen habe ich Zugang gefunden, wenngleich man den jeweiligen Zeitgeist deutlich spürt, was das Lesen nochmal ein Stück weit intensiver werden lässt. Ein Buch, das ich gerne gelesen habe, eine lesenswerte Geschichte, die ich nicht missen möchte.
    Tote Kinder schreien ewig (Bekker & Meislow - Thriller 5)

    Gunnar Schwarz
    Tote Kinder schreien ewig (Bekker & Meislow - Thriller 5) (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    28.05.2026

    Dunkle Geheimnisse

    Den beiden Ermittlerinnen Charlie Bekker und Stella Meislow bin ich nicht das erste Mal gefolgt, alle bis jetzt gelesenen Thriller mit ihnen waren top, so auch das neueste Werk von Gunnar Schwarz „Tote Kinder schreien ewig“, das ich soeben aus den Händen gelegt habe.
    In einem kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt, wo so gut wie nichts passiert, wird eine brutal zugerichtete Leiche gefunden und bald darauf wird ein zweiter Mordfall bekannt, das Opfer wurde ähnlich in Szene gesetzt entdeckt. Die Spuren führen zu dem örtlichen Jäger, über den immer mehr dunkle Geheimnisse bekannt werden sowie zu dem Dorfmetzger, direkt hinein in sein Schlachthaus.
    Zunächst gilt es, Gemeinsamkeiten der Opfer zu finden - beide waren sie Stammtischbrüder. Dabei drängt sich die Frage auf, wen der brutale Mörder als nächstes ins Visier nimmt, denn nichts deutet darauf hin, dass es mit diesen zwei Morden genug ist. Bei jedem der Toten wird eine identische Zeichnung gefunden, Buchstaben geben Rätsel auf. Und schon bald ist ein weiteres Opfer zu beklagen.
    Charlie ist berüchtigt für ihre Alleingänge und nun ist es auch Stella, die ihrem Bauchgefühl folgt, was Jan, ihr Vorgesetzter, in Rage bringt und sie kurzerhand zum Innendienst verdonnert. Stella aber ist damit nicht so ganz einverstanden, auch spielt ihr ehemaliger Kollege Vincent, der sich mittlerweile im Ruhestand befindet, immer noch mit. Irgendwie.
    Dieser fünfte Fall für die Sondereinheit wird zunehmend zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Es gilt, einen Serienkiller zu stoppen, was sich – je weiter sie vordringen – als äußerst schwieriges Unterfangen herausstellt. Das Ermittlerteam arbeitet durchaus effizient und doch will nichts so recht zusammenpassen. Als sie dann einer heißen Spur nachgehen, wird es brandgefährlich.
    Gunnar Schwarz bürgt für Gänsehautmomente. Und das nicht zu knapp. Bekker & Meislow, die beiden Ermittlerinnen könnten unterschiedlicher nicht sein und doch ergänzen sie sich und auch ihre Kollegen sind allesamt Typen, jeder hat seine Eigenheiten. Die Spannung, die sich von Anfang an einstellt, steigert sich zunehmend. Neue Aspekte kommen ans Licht und auch wenn man meint, dass es an menschlichen Abgründen genug wäre, kommt lange Vergangenes geballt zum Vorschein. Man braucht schon gute Nerven für diesen düsteren Thriller, das schon. Und doch werde ich die Reihe weiterverfolgen, ich hoffe auf weitere Ermittlungen für die Sondereinheit um Charlie und Stella.
    The Artist

    Lucy Steeds
    The Artist (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    24.05.2026

    Lichtdurchflutet

    1957. Eine Frau steht in der National Gallery in London vor einem Gemälde, vor einer großformatigen Leinwand, gefasst in einen verzierten goldenen Rahmen. Das Täfelchen an der Wand nennt Maler, Titel und Maltechnik. Sein unverwechselbarer Pinselstrich hat ihm den Beinamen „Meister des Lichts“ eingebracht. Édouard Tartuffe.
    „The Artist“ ist Lucy Steeds fulminantes Debüt, das bildgewaltig von Édouard Tartuffe erzählt, einem exzentrischen Künstler, der in der Provence in einem Bauernhaus lebt und wirkt. Seine Nichte Ettie kümmert sich um ihn, um seine Malutensilien, besorgt und arrangiert Mahlzeiten, wie der Meister sie braucht, um sie zu malen, erledigt seine Post. Sie ist da, wenn er sie braucht und unsichtbar, sobald er es wünscht.
    Als eines Tages die Anfrage des Journalisten Joseph Adelaide ins Haus flattert mit dem Ansinnen, Tartuffe zu interviewen, bekommt er tatsächlich eine Zusage. Doch Tata, wie er genannt wird, hat anderes mit Joseph vor. Er soll ihm für sein neuestes Werk Modell sitzen, dafür kann er schreiben, was immer er will.
    Der Roman, der um 1920 angesiedelt ist, dringt tief ein in die Psyche der drei Hauptakteure. Tata, das Genie, ist der typische Künstler, der alle überstrahlt, der keinen neben sich duldet. Genie und Wahnsinn fällt mir bei so manch Szene ein. Ettis Herkunft wird hinterfragt, ihre eigentliche Leidenschaft sichtbar, auch lernen wir Joseph näher kennen. Es ist ein spannendes Porträt um einen Maler, der seiner Nichte verbietet, es ihm gleichzutun. Was Unterdrückung und Abhängigkeit zur Folge hat. Tata, Ettie und Joseph – sie sind mir nahe gekommen, jeder auf seine ureigene Art. Ettie vor allem hat es mir angetan, sie ist der eigentliche Star dieser Geschichte – zumindest für mich.
    Auch werden Bezüge zur Kunstwelt der 1920er Jahre sichtbar, Cézanne etwa oder auch Peggy Guggenheim spielen am Rande mit. Und dann ist es die große Erzählkraft, die jedes Stillleben leuchten und die Pfirsiche duften lässt, die mit jedem Sonnenstrahl Wärme vermittelt. So manch Gemälde wird so eindringlich beschrieben, sodass ein faszinierendes Bild vor Augen entsteht.
    „Sie malt ins Licht, auch wenn das bedeutet, ihre Welt in Flammen zu setzen.“ Ein beeindruckender Roman um „Die Farben des Lichts“, der mich bis zum Schluss nicht losgelassen hat.
    Espresso unter Sternen

    Stefan Maiwald
    Espresso unter Sternen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    17.05.2026

    Kleine (Alltags)Fluchten und mehr

    Als bekennender Italien-Fan kommt mir Stefan Maiwalds neuester Roman gerade recht. „Eine Reise in Sachen Glück“ untertitelt er seinen „Espresso unter Sternen“.
    Stefan Maiwald hat die kleine Insel Grado in Italien als seine Heimat auserkoren und nun will er sich eine Auszeit nehmen, seine Komfortzone verlassen. Also nix wie weg. Es zieht ihn nach Triest, eine seiner Heimatinsel durchaus nahen Hafenstadt an der Adria.
    Schon der erste Blick aufs Buch weckt auch meine Lust, mich ein wenig treiben zu lassen. Flanieren zwischen den Gassen, mich kulinarisch verwöhnen lassen, einen caffé zwischendurch genießen. Nero heißt hier (in Trieste) der Espresso und bei capo ist Cappuccino gemeint. In der Bar, am Tresen genossen, ist er etwas günstiger zu haben als am Tisch. Kleine Feinheiten, die man wissen sollte. Es gibt aber sehr viel mehr an Wissenswertem, das Maiwald mit einfließen lässt. Er führt mich an Orte, die zum Verweilen einladen. Das Antico Caffè San Marco, Triests berühmtes Literatencafé, gehört unbedingt dazu. Eine Fahrt mit der historischen Trambahn sollte man sich nicht entgehen lassen, auch reizt mich trotz der eher fußfeindlichen Kiesel der Strandabschnitt mitsamt dem hilfsbereiten Bademeister, die Triester Bräune gibt es hier sozusagen inklusive dazu. Das Buch hat noch so einiges mehr zu bieten, auch wartet es mit Hintergrundwissen auf. Und natürlich kommt das Essen à la italiano nicht zu kurz.
    Die Seele baumeln lassen, die alltägliche Routine durchbrechen, im Hier und Jetzt leben, Glücksmomente bewusst genießen – es braucht nicht viel, um die ganz einfachen Dinge des Lebens neu zu entdecken. Das Buch gibt Denkanstöße - Entschleunigung fällt mir dazu ein.
    „Anderszeit statt Alltagstrott“ nennt Stefan Maiwald seine Zeit in Triest. Es ist eine interessante, eine unterhaltsame, eine vergnügliche Reise, die eindrucksvoll seine Tage in der ehemaligen Grenzstadt Triest beschreibt. Ein Buch, das im Ganzen oder in Etappen genossen immer wieder kleine Fluchten aus dem Alltag zulässt. Ein Buch, das keine Altersgrenze kennt, das auch als Geschenk bestens ankommen wird.
    Komm spielen

    Linwood Barclay
    Komm spielen (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    15.05.2026

    Gespenstisch, unheimlich, gruselig

    Der Bezug zu Stephen King kommt mir ein wenig haltlos vor, denn „grandios“ ist Linwood Barclays KOMM SPIELEN für mich dann doch nicht, wenngleich ich es schon über weite Strecken als gruselig, als nicht recht erklärbar, empfunden habe.
    Annie ist die Schöpferin von Pierce, einem Kinderbuchhelden, als ein Ereignis aus ihrer Leserschaft sie komplett aus der Bahn wirft. Zudem müssen sie und Charlie, ihr kleiner Sohn, den Verlust von John verkraften. Kurzerhand bucht Finnegan, ihr Lektor, für Annie und Charlie ein Ferienhaus, weitab von New Yorks Großstadtlärm.
    Kaum in Castle Creek angekommen, geht Charlie auf Entdeckungstour und wie es so ist, macht ihn ein abgesperrter Schuppen neugierig. Annie lernt einen Nachbarn kennen, seine Frau jedoch will von ihr nicht viel wissen. Fotografen haben vorher hier gewohnt, momentan jedoch wird es ab und an vermietet, meist steht das Haus leer. Annie versucht, auch hier zu arbeiten, sie vermisst die Hintergrundgeräusche New Yorks, allerdings meint sie, einen Zug gehört zu haben. Was an und für sich nichts Ungewöhnliches sein sollte.
    Die Geschichte wird in fünf Akten dargeboten. Nachdem ich im ersten Akt Annie und Charlie folge, hat nun Harry, der Polizeichef, seinen Auftritt. Die beiden Erzählstränge wechseln sich ab. In Harrys Stadt geschieht Seltsames. Leute verschwinden, andere werden übelst zugerichtet aufgefunden, die Vorfälle häufen sich.
    Natürlich war ich gespannt, was mich erwartet. Nach der für meine Begriffe zu langen Einführung ist es mäßig spannend, was den Vorteil hat, dass mir alle Figuren bald bestens vertraut sind. Und doch warte ich auf mehr. Annie und Charlie sind in der Gegenwart verortet, Harrys Part dagegen liegt schon einige Zeit zurück. Es passiert schon so einiges, das nicht zu erklären ist, der Ursprung allen Übels scheint aber dennoch sichtbar zu sein. Und dann fängt es richtig an, es wird zunehmend unheimlich, es treibt mich weiter, raubt mir den Atem, lässt mir das Herz bis zum Halse klopfen. Da ist Mr Choo, der in seinem Geschäft Eisenbahnen verkauft – nicht nur ein Kindertraum, auch Erwachsene erliegen dieser faszinierenden Welt aus ganzen Landschaften, durch welche die Züge fahren. Es geht gar gespenstisch zu, Unheimliches, nicht Erklärbares, lässt mich aufhorchen und mich frösteln.
    Ein guter Thriller mit Horror-Elementen, das nach dem zu langen Intro viel zu bieten hat. Wenngleich ich ihn nicht mit King in einem Atemzug nennen möchte, denn der ist eine Klasse für sich.
    Léon und die Frau im blauen Kleid

    Alexander Oetker
    Léon und die Frau im blauen Kleid (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    10.05.2026

    Der erste Fall für de Cavallier und Bentaleb - gelungener Auftaktband

    Alexander Oetker präsentiert das neue Ermittlerteam an der Côte d’Azur: Commissaire Léon de Cavallier, adeliger Leiter der Brigade criminelle von Nizza, nie unterwegs ohne Ferrari und Maßanzug und Commissaire Nadia Bentaleb, zuletzt im Einsatz in der Banlieue, nie unterwegs ohne ihre Kawasaki und ihre Lederjacke.
    Diese ersten Infos sind absolut treffend. Beide sind sie erfahrene Commissaire, beide sind sie durchsetzungsstark, beide leben sie für ihren Beruf, auch wenn auf den ersten Blick der Anschein nach außen hin zuweilen trügt.
    Zunächst erwartet mich auf der aufklappbaren Cover-Innenseite eine Karte mit den Orten, in denen sich die Ermittlungen um den Leichenfund an der Promenade des Anglais bewegen - ein erster Pluspunkt dieses Côte d’Azur-Krimis, der neben den kriminalistischen Elementen und den gar köstlichen Dialogen der beiden Hauptakteure noch mehr zu bieten hat wie etwa die reizvolle Umgebung oder auch die Dekadenz der Reichen und Schönen mitsamt der kontrastierenden Drogenkriminalität in den sozialen Brennpunkten Nizzas.
    „Frauenleiche, Anfang zwanzig. Wurde angespült. Ihre neue Kollegin ist schon vor Ort…“ Die Worte des Gendarmen haben Léon de Cavallier eiskalt erwischt. Mit einem Gefühl, das ihm Gänsehaut verursacht, sieht er eine junge Frau mit dunkelbrauner Haut - Nadia Bentaleb.
    Das erste Zusammentreffen des zukünftigen Ermittlerduos fällt frostig aus, Léon gibt gleich mal den Macho, den versnobten Spross aus reicher, aus adeliger Familie. Seine neue Partnerin dagegen ist der genaue Gegensatz. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in den Pariser Banlieues weiß sie sich durchzusetzen, was sie alsbald unter Beweis stellen muss. „Ich weiß noch nicht, was das mit Ihnen beiden wird, aber ich kann mir vorstellen, dass es richtig gut wird. Oder es explodiert, und er wirft Sie sofort wieder raus. Alles ist möglich.“ Schon die erste Einschätzung eines Kollegen spricht Bände.
    Es dauert schon ne ganze Weile, bis sie sich zusammenraufen. Wobei gefühlt Nadja an Léons Snobismus schwer zu knabbern hat, sie aber es versteht, ihn mit Witz und einer gehörigen Portion Abgeklärtheit zu nehmen, ihre Pariser Vergangenheit hat sie gelehrt, mit den unterschiedlichsten Charakteren zurechtzukommen und nicht nur das, ihnen auch Paroli zu bieten. Und damit punktet sie bei Léon, der trotz seiner zur Schau gestellten Überheblichkeit alsbald weiß, dass er in ihr eine starke, eine verlässliche Partnerin hat.
    Der wendungsreiche Krimi führt in die High Society und in Nizzas Brennpunktviertel und auch ins Fürstentum Monaco. Es bedarf einer Sondererlaubnis, um auf monegassischem Boden zu ermitteln, was sich auch hier als Hürde erweist, die jedoch Léon zu umgehen weiß. Er kennt die Gepflogenheiten vor Ort, geht so besonnen wie trickreich mit den Verdächtigen um, die sich im mondänen Fürstentum sicher und dank ihres Reichtums unangreifbar wähnen. Der Umgang mit den harten Jungs dann ist für Nadia lang erprobter Alltag, was Léon zuweilen staunen lässt. Ich meine, die ersten Hürden ihrer Zusammenarbeit dürften sie souverän gemeistert haben.
    Der erste Fall für Léon und Nadia macht Lust auf mehr, die beiden Commissaires haben mich bestens unterhalten, die Auflösung dann hat mich verblüfft, ist aber in sich stimmig. Den nächsten Fall, der am 5. Mai 2027 erscheint, lasse ich mir nicht entgehen, ich werde pünktlich anreisen.
    Darkrooms

    Rebecca Hannigan
    Darkrooms (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    04.05.2026

    Im dunklen Schlingenwald…

    Ein Dorf an der irischen Küste, umgeben von dichtem Wald, ist Schauplatz von Rebecca Hannigans DARKROOMS. Hier verschwand vor nunmehr zwanzig Jahren die damals 9jährige Roisin, deren Schicksal bis dato ungeklärt ist. Ihre Schwester Deedee sucht noch heute nach ihr, deren Spur sich im Sommer 1999 verliert, als sie mit der damals ebenfalls 9jährigen Caitlin unterwegs war.
    Der Thriller wird in zwei Zeitebenen erzählt, gleich mal begegnen wir Caitlin Ende 2019, die nun in London lebt. Nach dem Tod ihrer Mutter kehrt sie in das Dorf ihrer Kindheit zurück. Es bleibt nicht aus, dass sie Deedee begegnet, die mittlerweile als Polizistin arbeitet und nach wie vor nach Roisin sucht.
    Caitlin und Deedee – von beiden Frauen wird so einiges bekannt, beide sind sie sehr speziell, um ihren Charakter wohlwollend zu umschreiben. Wobei sie es beide nicht gerade einfach hatten in ihrem bisherigen Leben. Die eine will wissen, was mit ihrer Schwester passiert ist, ob sie vielleicht noch lebt oder ihre Leiche irgendwo verscharrt ist. Und die andere scheint ziemlich abgebrüht zu sein, ihre Vergangenheit ist nicht ohne.
    Man erfährt häppchenweise, wie die Hauptakteurinnen leben, immer wieder unterbrochen durch das Gestern, weiß um die Rolle der Polizei, der Vermisstenfall Roisin ist ungeklärt und auch tauchen einige mehr oder weniger seltsame Typen auf. Und immer wieder sind wir in besagtem Wald, dem Schlingenwald, der gerodet werden sollte. Unterschwellig tauchen Sätze auf, die zu Roisins Verschwinden passen würden. Aber – wäre das nicht zu einfach? Ein geheimnisvoller Plan wirft Fragen auf, Alkohol spielt mit hinein, auch scheinen hier sehr manipulative Mächte am Werk zu sein.
    DARKROOMS ist raffiniert konstruiert. Die beklemmende Story lebt von Andeutungen, sie gibt eine Richtung vor und wenn man meint, diese würde zum Ziel führen, ändert sich die Sichtweise und man ist so klug als wie zuvor. Alle Figuren sind zutiefst verstörend, bis gegen Ende zu fehlt der Durchblick. Ein aufwühlender Thriller, der durchweg spannend ist, der mich trotz der beunruhigenden Geschichte bestens unterhalten hat.
    Die Straße

    Robert Seethaler
    Die Straße (CD)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    03.05.2026

    Lebensgeschichten

    Wie das Leben eben ist. So könnte man DIE STRASSE in Kurzfassung beschreiben. Die Heidestraße. Sie ist irgendwo am Rande einer unbenannten Stadt.
    Robert Seethaler erzählt in kurzen Episoden von den Leuten, die hier leben. Von den Bewohnern im Altenheim etwa und auch von dem Jungen mit der Steinschleuder, der die Tauben ins Visier nimmt. Ein anderer will Bücher vor dem Verfall retten, er eröffnet in einer ehemaligen Kohlenhandlung ein Buchantiquariat. Es sind alte, staubige Bücher und auch weiß man um den Kohlenstaub, der sich mit den Jahren in den Räumen abgesetzt hat. Es sind die Sorgen der kleinen Leute, deren Hoffnungen und Sehnsüchten Seethaler nachspürt. Der ganz normale Alltag eben in all seinen Facetten ist es mit den Bewohnern, die alle ein wenig wie entrückt wirken…
    …was Matthias Brandt als Sprecher dieser ungekürzten Hörbuchfassung (4 Stunden und 9 Minuten) dann doch gerade gerückt hat. Er macht diese Straße mitsamt seiner Bewohner lebendig. Ihn schätze ich sehr, er brilliert in jeder seiner Rollen und auch hier gibt er jedem einzelnen der hier beschriebenen Charaktere seine ganz besondere Note.
    Es sind viele Schicksale, die Seethaler in einem ruhigen, unaufgeregten Ton präsentiert. Alltagsgeschichten, wie jeder sie kennt oder von denen man zumindest gehört hat. Kurze Momentaufnahmen, die jede für sich steht, in Seethalers Straße sind sie alle zu finden.
    Ins fahle Herz des Sommers

    Andreas Eschbach
    Ins fahle Herz des Sommers (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    30.04.2026

    Beklemmendes Zukunftsszenario

    Andreas Eschbach nimmt sich in seinem neuesten Roman INS FAHLE HERZ DES SOMMERS eines düsteren Zukunftsszenarios an, das angesichts des nicht zu leugnenden Klimawandels gar nicht so abwegig ist.
    Fausto lebt als einer der wenigen noch verbliebenen Menschen in einem Ort, der weitgehend ausgestorben ist. Ein Pfarrer, eine alte Frau und eine Farmerfamilie sind noch da. Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel, Fausto hat sich in dem nicht sehr viel kühleren Keller eingerichtet. Seine Suche nach zurückgelassener Nahrung betreibt er akribisch, ein alter Kühlschrank dient dank Sonnenenergie für kühles Wasser, das zunehmend knapp wird.
    Die meisten der Dorfbewohner haben sich in den kälteren Norden aufgemacht, Ansichtskarten zeugen von ihrem dort sehr viel angenehmeren Leben.
    Als eines Tages eine junge Frau in Faustos Nachbarhaus erzieht, nimmt er Kontakt zu ihr, zu Valérie, auf. Ihr scheint die Hitze nichts auszumachen, jedoch trägt sie ein Geheimnis in sich, das Fausto erst sehr viel später erkennt.
    Das Buch lebt von Überspritzungen, nichts anderes ist zu erwarten. Und doch zeigt es auf erschreckende Weise, wohin die Welt sich bewegt. Das Thema ist allgegenwärtig, die globale Erderwärmung geht einher mit extremen Wetterereignissen. Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt, die Folgen für die Menschheit sind deutlich spürbar. Hier ist es die unerträgliche Hitze, die Ernten vertrocknen und das Wasser verdunsten, die der Menschheit keinen Raum zum Leben lässt. Ein „beklemmendes Gedankenexperiment“, das nachdenklich stimmt.
    Die Briefträgerin

    Francesca Giannone
    Die Briefträgerin (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    29.04.2026

    La Portalettere

    Anna und Carlo lernen sich im Norden Italiens kennen und lieben, sie gründen eine Familie und bald darauf vermacht Carlos Onkel Luigi ihnen alles. Land, Häuser und ein hübsches Sümmchen. Darum gehen sie weg aus Ligurien, aus Annas Heimat, um in Lizzanello, das in der süditalienischen Region Apulien liegt, neu anzufangen. Carlo ist hocherfreut, endlich wieder in seiner alten Heimat zu sein, auch heißt sein Bruder Antonio ihn und seine Anna herzlich willkommen. Für die Bewohner des Dorfes jedoch ist Anna die Fremde.
    Francesca Giannone erzählt vom Leben ihrer Urgroßmutter Anna Allavena, deren Leben sie in Briefen, Fotos und Dokumenten nachspürt, die sie eher zufällig im Haus ihrer Eltern in einer Schublade entdeckt hat. Von Anna, einer Frau, die sich von der männerdominierten Gesellschaft nicht von ihren Zielen hat abbringen lassen.
    Im Juni 1934 kommen Anna und Carlo mit ihrem kleinen Roberto in Lizzanello an und wie es so ist im Leben, wird Anna kritisch beäugt. Nicht nur von denen aus dem Dorf, auch Agata, ihre Schwägerin, tritt ihr gegenüber ziemlich reserviert auf. Was Anna nicht davon abhält, ihre eigenen Ideen durchzusetzen. Daheim war sie Lehrerin, hier ist eine Stelle als Briefträger vakant, also bewirbt sie sich. Signora Portalettere ist zunächst zu Fuß, später dann mit dem Fahrrad unterwegs.
    Neben der Familie sind es doch so einige Personen, die gut eingeführt werden, sodass der Überblick nicht verloren geht, auch schwingt der beginnende Faschismus mit hinein, Annas Leben mit ihrer Familie und jenes im Dorf jedoch stehen im Vordergrund. Sie ist ihrer Zeit weit voraus, sie ist eine selbstbestimmte Frau, die sich auch für andere einsetzt, die der Engstirnigkeit der Dorfbewohner, die im Gestern verharren, die ihre Vorurteile pflegen, unerschrocken entgegentritt. Da ist etwa Giovanna, die als die Verrückte gilt, dabei hatte sie nie eine Chance, Schreiben und Lesen zu lernen. Annas Idee von einem Frauenhaus stößt im Dorf auf Unverständnis, eine lebenslange Lüge droht, viel Leid nach sich zu ziehen – das Buch ist so viel mehr als „nur“ die Geschichte um Signora Portalettere.
    Es ist ein Zeugnis jener Zeit, ein Blick auf die Gesellschaft, auf die Dorfgemeinschaft und auf die Liebe - auch sie zieht sich durchs Buch, nicht nur jene zwischen Anna und Carlo. Vom Sommer 1934 bis in dem August des Jahres 1961 hat dieser Roman eine schier unendliche Fülle an Leben parat, das mit leisem Ton, aber dennoch übervoll von einer unerschrockenen Frau erzählt, die stets für andere da ist, sich vor sie stellt und nicht müde wird, für deren Belange zu kämpfen. Ja, Anna hat die Hosen an, auch im wörtlichen Sinne, was damals ziemlich skandalös war. Das Buch, die Geschichte um DIE BRIEFTRÄGERIN, hat mich tief bewegt. Ich habe das Buch genossen, es entwickelt seinen ganz besonderen Reiz, dem ich mich nicht entziehen konnte und es auch nicht wollte. Ein absolut empfehlenswertes Buch.
    Pina fällt aus

    Vera Zischke
    Pina fällt aus (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    28.04.2026

    Ein Miteinander voller Wärme und Zusammenhalt

    Für Leo ist es eine Tragödie, als Pina ausfällt, auch wenn er diesen Schicksalsschlag so nicht erfassen kann. Leo ist Autist, er ist zwanzig, er braucht feste Strukturen, braucht die Lavalampe, um morgens aus dem Bett zu steigen und seine ganz bestimmte Schrittfolge, um über die Treppe herunter zum Bus zu kommen, der ihn in die Behindertenwerkstätte fährt. In der Zeit, in der Leo dort ist, erledigt Pina, seine Mutter, all das, was sie ohne ihn schaffen kann.
    Als sie dann eines Tages mitten auf der Straße zusammenbricht, weiß zunächst keiner, wo sie ist. Leo hat sie bei ihrer 86jährigen Nachbarin Inge gelassen, dafür nimmt sie Einkäufe für Inge mit. Eigentlich müsste sie schon wieder zurück sein, aber Pina kommt nicht. Leo ist außer sich, er schlägt um sich, räumt Inges Schränke aus. Die Polizei fühlt sich als nicht zuständig, Inge ist vollkommen überfordert. Und da sind noch Zola, die junge Schulabbrecherin, die mit ihrem Leben nichts anzufangen weiß und Wojtek, der sich hinter seinen Computer vergräbt.
    Es sind ganz und gar unterschiedliche Menschen, die nichts miteinander zu tun haben. Und doch kommen sie sich näher, fühlen sich mehr und mehr verantwortlich für Leo, den sie zuvor eher gemieden haben. Sie wissen mittlerweile, dass Pina im Koma liegt und auch, wenn es schwer fällt, sehen sie ein, dass Leo auf ihre Hilfe angewiesen ist.
    Mehr und mehr wachsen sie zusammen, es ist ein Miteinander, ganz im Gegensatz zu vorher. Sie können sich aufeinander verlassen, jeder übernimmt Verantwortung für Leo, ihre Hausgemeinschaft beginnt ziemlich holprig, sie funktioniert mit der Zeit jedoch immer besser. Sie sind eine eingeschworene Gemeinschaft, die ihren Leo fördert und ihn bei Bedarf verteidigt.
    Es ist ein Buch, das berührt. Auch wenn es im wirklichen Leben nicht immer so solidarisch zugeht, man von vielen keinerlei Hilfe erwarten kann, so ist es doch herzerwärmend, dass es diese Hilfsbereitschaft doch gibt. Eine Geschichte voller Wärme und Zusammenhalt, sehr lesenswert, wundervoll erzählt.
    Annie Knows Everything

    Rachel Wood
    Annie Knows Everything (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    28.04.2026

    Annie lässt nicht locker

    „Ich glaube, du bist der nervigste Mensch, den ich je getroffen habe“ sagt er. Um sie dann auf seine ureigene Weise zum Schweigen zu bringen.

    Aber da sind wir schon mittendrin, ich beginne mal mit dem Anfang, als Annies Schlüsselkarte nicht mehr funktioniert, sie also nicht mehr ins Büro kommt. Natürlich findet sie Mittel und Wege, zu ihrer Freundin Carrie in die Personalabteilung zu gelangen, um von dieser zu erfahren, dass sie nicht die einzige ist, die ihren Job in diesem New Yorker TechStartUp los ist. Annie ist hartnäckig und so erfährt sie von einer vakanten Stelle im Haus, für die sie allerdings nicht die geringste Qualifikation aufweisen kann. Was Annie jedoch nicht anficht. Sie steuert direkt auf diese Abteilung zu, bequatscht Connor, den hier zuständigen Chef, bis er ihr einen Eignungstest anbietet. Zwar hat sie keine Ahnung von Datenstrategie, was auch ihm nicht verborgen bleibt, und doch ergattert sie den Job. Annie knows everything, ja. Sie weiß alles, weiß alles besser, redet überall mit, sie lässt nicht locker.

    Und ja – Annie nervt zuweilen gewaltig. Sie kann aber auch anders, vor allem wenn es um ihren Vorgesetzten geht, mit dem sie sich so manchen Schlagabtausch liefert. Connor ist aber auch ein heißer Typ. Bevor sie aber so richtig loslegt, muss sie noch schnell heimfliegen, in Kanada ist ihre Schwester dabei, ihre Hochzeit vorzubereiten. Wieder mal! Denn schon einmal wollte Shannon ihren Dan ehelichen, er aber hat es gründlich vermasselt. Was liegt für Annie also näher, als ihre Schwester vor diesem Kerl zu warnen. Überhaupt mischt Annie kräftig mit – bei allem und bei jedem. Dabei meint sie es nur gut.

    Der Roman versprüht eine lockere, witzig-spritzige Atmosphäre mit einer impulsiven Hauptfigur, sie ist schlagfertig und auch nervig, was man bei ihr aber gut wegstecken kann. Auch deshalb, weil sie es gut meint mit den anderen, wenngleich gut gemeint nicht immer gut gemacht ist und gut ankommt. Sie hat aber dennoch ein Gespür dafür, wenn sie mal wieder zu weit geht. Connor passt perfekt zu ihr, auch wenn sie beide (meist ist es aber Annie) das gelegentlich vergessen.

    Annie mochte ich von Anfang an und nachdem ich mich eingelesen habe, konnte ich diese Liebesgeschichte so richtig genießen. Was mich selber gewundert hat, denn eigentlich umgehe ich dieses Genre. Rachel Wood hat mir mit ihrer Annie locker-leichte, kurzweilige, amüsante Lesestunden beschert. Ja, „Annie Knows Everything“ ist ein Roman, den ich gerne gelesen habe.
    Der Fjord

    Sarah Goodwin
    Der Fjord (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    27.04.2026

    Wendungsreiche Story, absolut fesselnder Psychothriller

    Nachdem ich mich vor ziemlich genau einem Jahr auf DIE YACHT begeben habe, habe ich mich nun auf einen weiteren Psychothriller von Sarah Goodwin eingelassen. DER FJORD hat mit noch mehr an menschlichen Abgründen aufzuwarten, wie ich finde.
    Der Prolog bietet einen ersten Einblick auf die begehrten Einladungen zu der alljährlich stattfindenden Sommerparty auf dem mondänen Anwesen der Fowleys. Ein Jahr später dann ist es wieder so weit. Amelia reist nach Norwegen, sie ist ganz offiziell eingeladen. Was keiner weiß – sie sucht nach ihrer Schwester Rose, deren Spur sich seit dem letzten Sommerfest der Familie Fowley verliert.
    Die Autorin versteht es, ab sofort Spannung zu erzeugen und diese durchgehend aufrecht zu erhalten. Erzählt wird hauptsächlich aus Amelias Sicht und sie ist es auch, um die ich bange. Ihr Plan, wie sie sich in die Party drängt, ist so genial wie gefährlich. Inmitten der illustren Gäste, die sich in den stilvollen Außenanlagen inklusive der extra für dieses Spektakel aufgebauten Hütten, Bars und dergleichen bis hin zum Strand bestens amüsieren, ist sie auf der Suche nach dem Verbleib ihrer Schwester. Sie sucht den Kontakt zu dem Fowleys, zu Lawrence und James, zu Sam und Ford und noch so einigen mehr. Jeder einzelne scheint einiges zu verbergen zu haben, wobei ich mein Urteil über sie mehrmals infrage stelle. Die Fassaden bröckeln, um sich dann doch wieder ins Gegenteil zu verkehren.
    Sarah Goodwin ist eine Meisterin darin, ihre Figuren vielschichtig und undurchdringlich zu präsentieren. Bis zum bitteren Ende, denn schon vorher meine ich, dem Satan höchstpersönlich begegnet zu sein. Ein Trugschluss? Nur so viel: DER FJORD hat mich von Anfang bis Ende absolut gefesselt, die wendungs- und temporeiche Story mochte ich nicht weglegen, das Buch habe ich in zwei kurzen Nächten verschlungen.
    Amalfi Mortale. Kein Urlaub ohne Mord

    Catherine Mack
    Amalfi Mortale. Kein Urlaub ohne Mord (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    27.04.2026

    Für zwischendurch ganz nett

    „Ich werde ihn umbringen.“ Wenn das mal keine Aussage ist! Sie – das ist die Bestsellerautorin Eleanor Dash. Und auf ihn, Connor Smith, der in doppelter Ausführung um sie herumschwirrt, hat sie es abgesehen. Doppelt, ja. Das sollte schon näher ausgeführt werden, denn Connor ist sehr lebendig, mit ihm verbindet Eleanor so einiges im wahren Leben und auch als Romanfigur ist er nicht mehr wegzudenken. Zumindest bis jetzt, denn sie will ihn killen. Ihr zehnter Band um Connor, ihren Romanhelden, sollte ihr letzter sein. Genug ist genug, wie sie findet. Ihre Pläne sehen eine neue Romanreihe vor, in dem für Connor kein Platz ist. Zunächst jedoch hat ihr Verlag eine Italienreise vorbereitet - von LA nach Rom, Pompeji, Capri bis hin zur Amalfiküste mit all ihren bezaubernden Orten.
    Als Italien- und Krimifan hat mich hier alles angezogen, angefangen von dem einladenden Cover über den aussagekräftigen Titel bis hin zur Buchbeschreibung. Alles passt. Zumindest auf den ersten Blick. Denn kaum angefangen, war ich ernüchtert ob der nicht enden wollenden Fußnoten, die mehrfach auf gefühlt jeder Seite den Lesefluss stoppen. Dabei sind es eher Belanglosigkeiten ohne Mehrwert für die Story, weder witzig-spritzig noch vergnüglich. Diese Einwürfe, so sie denn aus Autorensicht sein müssen, wären direkt im Text besser aufgehoben. Man könnte schriftbildlich variieren, sodass diese Infos ein flüssiges Lesen gewährleisten. Gut, dem ist nicht so, also habe ich diese insgesamt 234 Randnotizen überflogen, quergelesen, ignoriert. Je nachdem, wie die Story an sich mich angesprochen hat. Im ersten Drittel des Buches denkt sie sich aus, wie sie ihn um die Ecke bringt, um ihre neue Heldin einzuführen, denn es sollte eine Polizistin sein, die idealerweise den Mord dann aufklärt. Ein durchaus hoffnungsvoller Gedanke, aber es kommt anders…
    Meine Erwartungen waren zu hoch geschraubt, nicht nur wegen den zuvor beschriebenen Details. Auch habe ich es vermisst, von all den kurz angerissenen Reisezielen von Rom bis zur Amalfiküste, ein wenig mehr zu erfahren. Da ist schon Sylvie, die von der Agentur gebuchte Reiseleiterin, die ihren spärlichen Text herunterleiert – das wars dann aber auch schon. Die mitreisende Fangruppe, die BookFace Ladys, kommen zwischendurch zum Zuge, es geschieht ein Mord und dann noch einer, ein Banküberfall wird erwähnt, die Verwirrung ist groß, verdächtigt ist jeder, allen voran einer der Hauptakteure, die örtliche Polizei spielt ihre Rolle und – der Alkohol ist allgegenwärtig. Am Morgen, am Mittag, am Abend und zwischendurch. Es wird gebechert, was das Zeug hält. Dass dabei die Ermittlungen, die selbstredend die Autorin anführt, arg vernebelt daherkommen, ist klar, auch wenn es ihre Sinne so gar nicht klar sind.
    Gut, ein Cosy Crime lebt auch von Überspitzungen, das schon. Und doch sollte es ein wenig mehr als das Stochern im Nebel sein, angereichert mit Mord und Mordversuchen und solch Situationen, die den Anschein einer Straftat vermitteln. Gar chaotisch geht es zu bei der ganzen Truppe um die Autorin, die dann zu guter Letzt dann doch den Durchblick hat. Die anfangs zähe Erzählweise hat sich gegen Ende dann schon gebessert. Ein Buch - für zwischendurch ganz nett, mehr aber auch nicht.
    Tainted Love

    Vincent Tal
    Tainted Love (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    19.04.2026

    Sommer 1986, ein See, ein versenktes Auto und noch sehr viel mehr

    „Im Radio lief Tainted Love, ein Song, der dem draußen am Peugeot vorbeiziehenden Bilderbuchsommer eine eigentümliche Kraft und Traurigkeit verlieh.“
    TAINTED LOVE. Sofort habe ich diesen Song aus den 1980er Jahren im Ohr. Nicht von ungefähr hat Vincent Tal diesen Titel für das erste Buch seiner neuen Krimi-Reihe gewählt, die er in das nordhessische Zonenrandgebiet verortet. Er fängt damit perfekt den Flair dieser Zeit ein, katapultiert mich mit diesem Buch vierzig Jahre zurück. Das Leben damals war aus heutiger Sicht entschleunigt, wenn man an die stetige Erreichbarkeit und die sozialen Medien mit all den unschönen Seiten denkt, ohne war es zu jener Zeit dennoch nicht. Die Schlagworte Wackersdorf, Tschernobyl, RAF, um nur einiges Wenige zu nennen, dürften noch jedem ein Begriff sein.
    Sommer 1986. Martin Ritter und Christine Lehmann, der Bibliothekar mit Hang zur Fotografie und die scharfsinnige Journalistin mit Weitblick, sind die Hauptcharaktere, denen ich gespannt folge. Kennengelernt haben sie sich in jener Zeit, als ein kleines Mädchen verschwand. Und nun kommt Christine zufällig an einem See vorbei, dessen Wasserstand durch die Sommerhitze ziemlich niedrig ist und ein Schrottauto zum Vorschein kommt. Die Polizistin wimmelt sie ab, sie aber will der Sache auf den Grund gehen.
    Die flirrende Hitze ist beim Lesen direkt spürbar, auch stellt sich mir die Frage, warum ein Mercedes 300 SL in diesem kleinen See versenkt wurde. Christine forscht mit tatkräftiger Unterstützung, auch von Martin, nach. Sie kommen so manch Ungereimtheit auf die Spur, auch jenseits dieser versenkten Luxuskarosse.
    Die Story ist vielschichtiger, als es zunächst den Anschein hat, sie ist in sich stimmig, untermalt mit auch heute noch gut hörbaren und wie ich finde zeitlosen Songs und einem angenehmen, gut lesbaren Schreibstil. Private Momente fließen gekonnt in das Kriminalistische, die beiden Hauptakteure gehen in der Sache zielstrebig vor und miteinander behutsam um. Gerne bin ich in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts mit Christine und Martin abgetaucht. Der gelungene Reihenauftakt macht neugierig auf mehr, ich freu mich auf „Sweet Dreams“, den nächsten Band, der jedoch noch ein Weilchen auf sich warten lässt.
    Meine tote Schwester: Psychothriller

    Catherine Shepherd
    Meine tote Schwester: Psychothriller (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    16.04.2026

    Spannender Auftaktband

    Von Catherine Shepherd kenne und schätze ich ihre Zons-Thriller, auch ihre Laura Kern- und Julia Schwarz-Thriller und nun geht sie mit ihrem neuesten Buch „Meine tote Schwester“ den Schritt Richtung Psychothriller. Und auch davon bin ich sehr angetan, ich werde die neue Reihe weiter verfolgen – eh klar.
    Zunächst stehe ich mit Mia am Fenster. Sie beobachtet die Villa gegenüber, die schon seit vielen Jahren leer steht. Ihre Mutter hat ihr strikt verboten, auch nur einen Fuß in dieses Haus zu setzen. Nicht ohne Grund, denn vor elf Jahren ist ihre damals 16jährige Schwester darin ums Leben gekommen.
    Nora will weg aus Hamburg – Lukas wegen. Er wird gemobbt, seit sich das Gerücht hält, er hätte seine Freundin auf dem Gewissen. Sie macht genau diese Villa ausfindig, die sie ziemlich günstig erwerben kann, allerdings weiß Lukas nichts von dem Kauf, er ist dementsprechend sauer. Hilft aber nix, die Hamburger Wohnung ist verkauft, er muss mit. Bei ihrer Ankunft sind die Handwerker noch zugange, die ersten Zimmer erstrahlen aber schon in neuem Glanz.
    In der Schule lernt Lukas Mia und ihre Freundinnen Charlotte und Lisa kennen, sie werden Freunde. Lost Places sind Charlottes begehrte Objekte, vor Lukas und Noras Einzug war es die Villa, auch der umschwärmte Maurice und Anne sind auf der Jagd nach diesen morbiden Objekten, ihre Klicks beweisen, dass die beiden damit sehr viel mehr Erfolg haben als Charlotte. Als dann eines Tages eine Mitschülerin unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, fällt der Verdacht auf Lukas.
    Was für ein Szenario! Catherine Shepherd versteht es, die Spannung hoch zu halten. Neben Lukas gibt es so einige Verdächtige, ich würde sogar sagen, dass die sich sehr verdächtig machen. Ich hab da einen ganz speziellen Typen in Verdacht, dann wieder schwenke ich wieder um, ich bin mir absolut nicht sicher. Genau so bin ich es gewohnt von der Autorin, sie beherrscht das Katz- und Mausspiel mit ihren Lesern. Die wendungsreiche Story ist ab sofort fesselnd, auch weiß ich lange nichts über die näheren Umstände zu Jasmins lange zurückliegendem Tod. Bei Lukas geht es mir ähnlich, auch zu ihm gibt es so einiges, das bis ziemlich zum Schluss unbekannt bleibt. Irgendwann dann kristallisiert sich einer heraus, es ist nur ein kleines Detail und doch bleibe ich daran hängen. Wars das? Nein, ich verrate nichts. Dieser Psychothriller ist es allemal wert, gelesen zu werden. Spannend bis zum Schluss, man kann das Buch erst dann weglegen, wenn man die letzte Zeile gelesen hat.
    Liars all around me

    Clara Blais
    Liars all around me (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    16.04.2026

    Lügen, nichts als Lügen

    „Am frühen Morgen wurde am Leuchtturm die Leiche einer unserer Schülerinnen gefunden. Den Ermittlungen zufolge handelt es sich um Sheila Parker. “
    Alles beginnt damit, dass die Musterschülerin Avery den ziemlich anrüchigen Ryle bittet, ihr eine Waffe zu besorgen. Was dieser jedoch ablehnt. Und nun ist Sheila tot. Erschossen. Die ersten Anzeichen deuten auf Suizid, jedoch bleiben Zweifel. Schon allein die Tatsache, dass Avery ein paar Tage zuvor eine Waffe will, spricht gegen sie. Sie versucht, Ryle davon zu überzeugen, dass sie mit Sheilas Tod nichts zu tun hat. Eine Woche gibt er ihr Zeit, ihre Unschuld zu beweisen. Mit ihrer besten Freundin Micah sucht sie nach Hinweisen. Sie findet heraus, dass Sheila, genau wie sie auch, Drohbriefe erhalten hat.
    Sowohl Sheilas als auch Averys Umfeld werden durchleuchtet, auch bekomme ich Einblicke in Ryles Familie, die – im Gegensatz zu Sheila und Averys vermögenden Familien – am Existenzminimum ihr Dasein fristet.
    Alle Eventualitäten werden durchgespielt, jeder wird durchleuchtet, was die Story dann doch ziemlich in die Länge zieht. Ein Jugendroman mit kriminalistischen Elementen, dem ich nach dem starken Anfang nicht viel abgewinnen konnte. Weitergelesen habe ich dennoch und – es hat sich gelohnt. Gut, erste zarte Bande gehören schon auch dazu, dann aber sind es auch ernste Themen wie Depressionen und psychische Erkrankungen, einhergehend mit Medikamentenmissbrauch, dazu sehr viele Lügen und Erpressung bis hin zu Stalking und noch so einiges mehr an menschlichen Abgründen. Aber auch von dem genauen Gegenteil lese ich. Von Freundschaft und Geborgenheit, von Vertrauen und vom Verzeihen. Dafür braucht es nicht mehr als Herzenswärme, egal ob reich oder arm.
    Die Story endet mit einem letzten Knall. Ja, Liars all around me. Ein – wenn auch nicht durchgehend – spannender Roman im Jugendmilieu, untermalt mit Songs von Genesis, Lana Del Rey, Hurts, Taylor Swift und noch so einigen mehr. Die vollständige Playlist ist dem Geschehen vorangestellt.
    Die Stockholm-Protokolle

    Moa Berglöf
    Die Stockholm-Protokolle (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    01.04.2026

    Ein tiefer Blick hinein den innersten Kreis der Mächtigen

    „Gefährliche Beziehungen“ ist der Auftaktband der „Stockholm Protokolle“ von einem Autorenduo, das mit geballtem Insiderwissen punktet: Joakim Zander und Moa Berglöf. Zander ist EU-Experte und Moa Berglöf war jahrelang Redenschreiberin des schwedischen Ministerpräsidenten.
    Julia und Alfred leben mit ihren beiden Kindern in Stockholm. Der Politikjournalismus ist Julias Metier und als solche geht sie einer heißen Spur nach, die direkt zu Christian Bratt, dem Ministerpräsidenten Schwedens, führt. Ihr Chefredakteur zieht sie von der Sache ab, zeitgleich wird ihr Lebensgefährte Alfred ins Kanzleramt gebeten, um ihn als Bratts Pressesprecher zu gewinnen. Die Zeit drängt, er sagt zu und erst danach erfährt Julia davon. Für die Personalie Alfred Swärd war vordergründig sein souveräner Auftritt im TV maßgeblich, jedoch ist er in diesem politischen Haifischbecken total unerfahren, Julia dagegen hat den absoluten Überblick. Sie ist zwar kaltgestellt, was sie jedoch nicht daran hindert, still und heimlich weiter zu recherchieren. Alfred dagegen merkt bald, dass er sich Respekt verschaffen muss. Infos werden bewusst manipuliert oder ganz „vergessen“, er wird vielfach ausgebootet.
    Es geht um Macht und Machtmissbrauch und um persönliche Verstrickungen, es geht aber sehr viel tiefer. Die dunkelsten Seiten der Politelite werden aufgezeigt. Es sind gefährliche Beziehungen, ganz klar, auch ist die Kungelei mit den Rechtsaußen-Parteien Thema.
    Was genau unsere beiden Protagonisten Julia und Alfred lostreten, in welch Wespennest sie stochern, wird erschreckend deutlich. Gut, eigentlich ist es Julia, die nicht locker lässt. Sie gräbt immer tiefer, ihr Weg führt sie auch in ein Internat, schon damals kannten sich die Mächtigen von heute. Mehr möchte ich dazu nicht verraten, kann aber jedem politisch Interessierten zu diesem Buch raten und auch jene, die einen spannenden Thriller suchen, werden nicht enttäuscht sein.
    Trotzdem wir mittendrin im Machtgefüge der Politik sind, ist die Story auch für Nicht-Politiker verständlich geschrieben. Ein Personenverzeichnis wäre optimal gewesen, zumal es viele Personen sind, die in Rosenbad, dem Sitz der schwedischen Regierung, arbeiten und so etliche davon gleich anfangs auftreten. Hier kommt man mit den vielen schwedischen Namen und den Posten, welche die einzelnen Personen bekleiden, ganz schön ins Schleudern und so war es für mich unabdingbar, mir dieses Verzeichnis selber zu erstellen. Ansonsten gibt es über diesen sehr lesenswerten Thriller nichts zu beanstanden.
    „Macht, Intrigen und Verrat“ gibt es nicht nur in der Politik, wir wissen es.
    Ich möchte zurückgehen in der Zeit

    Judith Hermann
    Ich möchte zurückgehen in der Zeit (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    30.03.2026

    Eine Spurensuche

    Auf die Frage, was den Anlass gab, dieses Buch zu schreiben, war Judith Hermanns Antwort, dass sie sich mit der SS-Vergangenheit ihres Großvaters auseinandersetzen wolle. Viel weiß sie nicht, da in der Familie über ihn und sein Leben eher geschwiegen denn gesprochen wurde. Dass er Mitglied der Gestapo und während des Zweiten Weltkriegs im polnischen Radom stationiert war, ist ihr bekannt, also begibt sie sich auf dessen Spuren, fährt in diese polnische Stadt, quartiert sich dort ein.
    „In Zwischen- und Untertönen spürt Judith Hermann das Verdrängte, die Leerstellen unserer Gesellschaft auf.“
    Aber - wie sollte das gelingen? Ein schier unmögliches Unterfangen, über einen zu schreiben, dem man selber nie begegnet ist. Von der verräterischen Tätowierung auf seinem linken Arm etwa weiß ihre Mutter zu berichten. Es sind spärliche Infos, die lediglich erkennen lassen, dass er Mitglied der Waffen-SS war. Judith aber will mehr, in Radom liest sie Mitscherlich, liest von der wechselvollen Geschichte dieser Stadt und ja, sie findet ein Foto ihres Großvaters, der auf einem Motorrad der SS sitzt. Und sie lässt wissen, dass sie ihn in keinster Weise lieb hat, ihn eher feindselig bei sich trägt.
    Irgendwann dann reist sie weiter über Krakau und Wien zu ihrer Schwester nach Napoli. Diese Tage muten direkt sonnendurchflutet an, fern der Schwere Radoms.
    Es ist ein leises Buch, eine Geschichte über das Schweigen einer Familie. Eine Familie, wie es sie unendlich viele gibt. Sollte man dem Vergangenen nachspüren? Um damit abschließen zu können? Dabei sollte man bedenken, dass Leerstellen bleiben, anderes wäre gar nicht möglich.
    Es ist Judith Hermanns Buch, sehr persönlich, vielleicht zu persönlich. Trotzdem habe ich das Buch gerne gelesen – aber was hab ich mitgenommen? Diese Frage drängt sich mir unweigerlich auf, zumal ich über den Zweiten Weltkrieg, über die Nationalsozialisten, über die Täter und auch über die Mitläufer und über sie alle, die irgendwie dazwischen waren, viel gelesen habe und noch immer sehr viel darüber wissen möchte. Es ist ein nicht alltäglicher Blickwinkel auf eine Zeit, die nie vergessen werden darf, eine fast private Spurensuche.
    Doppelspiel

    Arne Dahl
    Doppelspiel (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    30.03.2026

    Zwischen Fiktion und Realität

    Die Spieleröffnung hat es gleich mal in sich. Nic Castillo befindet sich inmitten der Trauergäste. Schuldgefühle plagen ihn, da er den Visbybomber, der vor drei Wochen ein Massaker angerichtet hat, nicht hatte aufhalten können. Schlimm geht es weiter, ein Pfarrer tritt auf und da - Big Bang Blues ist im Kasten.

    Meine Nerven! Dieses Szenario geht ganz schön an die Nieren. Bis ich dann begreife, was diese ersten Seiten mir sagen wollen, bin ich schon mittendrin im Geschehen, bin in Stockholm am 6. Juni, den Nationalfeiertag, bin unterwegs mit dem Krimiautor Tom Borg, dem trotz des einschlagenden Erfolges seines vorherigen Krimis partout nichts einfallen mag. Die Story will sich nach dem ersten Kapitel nicht weiter entwickeln, also streift er durch Stockholm, sucht in diversen Lokalitäten nach Inspiration. Und da – geschieht ein Mord, der ihn auf beängstigende Weise an seinen gerade angefangenen Krimi erinnert. Mehr noch, alles scheint sich zu verselbständigen, er ist mittendrin in einem tödlichen Spiel, dem er zu entrinnen sucht. Ein Wettlauf gegen einen unbekannten Gegner beginnt, ein gar unwirkliches Szenario nimmt seinen Lauf…

    …in dem Tom als Verdächtiger durch Stockholms Straßen gejagt wird. Da er seine Unschuld nicht beweisen kann, ist er die ganze Zeit über auf der Flucht, was mir zuweilen so einiges an Kopfschütteln abverlangt. Die Handlung ist rasant und durchgehend spannend, das schon, logisch jedoch ist sie nicht unbedingt. Genau so die Charaktere, angefangen von dem schon erwähnten Tom, der zuweilen irrwitzige Entscheidungen trifft oder die Polizistin Olivia, der ich in ihrer rambomäßigen Art so gar nichts abgewinnen kann. Die geheimnisvolle Ronda und auch der gewitzte Lennart mischen neben so etlichen, sehr individuellen Gestalten, auch kräftig mit, so ziemlich alle Figuren sind sehr speziell, um es mal zurückhaltend auszudrücken.

    Die Handlung beginnt mit „I. Spieleröffnung“ und endet ein Jahr später, ebenfalls am Nationalfeiertag, mit „X. Die Veröffentlichung“. Dazwischen spielt sich ein gar irrwitziges Szenario um die Schreibblockade des Krimiautors ab.

    DOPPELSPIEL ist nicht mein erstes Buch von Arne Dahl, jedoch habe ich ihn und seinen Schreibstil anders in Erinnerung. Mag es am Zusammenspiel mit Jonas Moström liegen, dass hier so einiges nicht passen will? Moström kann ich nicht beurteilen, auch weiß ich um die Arbeitsteilung der beiden Autoren nichts, so ganz gelungen scheint es aber nicht zu sein, da sich so manche Passagen wie einzelne Versatzstücke lesen, die sich nicht vermengen wollen. Der Klimawandel etwa ist Thema, der sich allerdings so gar nicht ins Geschehen einfügen mag. Das Schachspiel und die Tattoos drumherum ranken sich durchs Buch, auch dieses Element finde ich weit hergeholt, das hätte man sehr viel eleganter in die Story einbauen können. So einige – ich nenn sie mal Flüchtigkeitsfehler – hätten vermieden werden können, wenn auf das Vorherige besser eingegangen, darauf aufgebaut und als homogenes Ganzes präsentiert worden wäre. Schade drum, das Buch hat mich schon unterhalten, durch diese Unstimmigkeiten jedoch geht so einiges verloren. „DOPPELSPIEL ist Band 1 der neuen Spannungs-Trilogie des Bestseller-Duos aus Schweden.“ Ob mich die nächsten beiden Bände reizen? Ich weiß es noch nicht, werde dann spontan entscheiden.
    Wo der Wind die Namen trägt

    Anja Jonuleit
    Wo der Wind die Namen trägt (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    26.03.2026

    Vom Schweigen und Vertuschen, von Gräueltaten und alten Seilschaften

    Gerne greife ich zu Anja Jonuleits Büchern, jedes einzelne kann ich wärmsten empfehlen. Wobei ich sie nicht alle gelesen habe. Noch nicht. Gerade habe ich ihren neuesten Roman „Wo der Wind die Namen trägt“ zugeklappt, er erzählt in zwei Zeitebenen von Inge. Von der 8jährigen, dem Kind Inge und von der 85jährigen Inge Sundermann. Es ist das Jahr 1946, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und dann ist es das Jahr 2023, als sie eine Einladung zum Klassentreffen erhält.

    Sie zögert, will an diese Zeit in der Lüneburger Heide nicht erinnert werden und nun, da ich den Roman gelesen habe, kann ich sie gut verstehen. Die Idylle dieser Landschaft ist schon auch beschrieben, man möchte sich direkt aufmachen, um durch die Heide zu streifen, all die Gerüche in sich aufnehmen und so manch verwunschenen Ort näher betrachten. Da ist aber auch das Andere, die unrühmliche Vergangenheit, die hier beschriebenen Nazi-Seilschaften, die auch im Nachkriegs-Deutschland allgegenwärtig sind.

    Die achtjährige Inge ist mit ihrer Mutter, einer Celler Kinderärztin, in diese Gegend gezogen. Auch hier ist die Ärztin angesehen, sie wird gar als Heldin verehrt, hat sie doch viele Kinder aus dem brennenden Krankenhaus in Celle gerettet. Inges Erinnerungen sind die ihrer Kindheit. Nicht alles konnte sie verstehen, erst im Nachhinein musste sie mit Erschrecken feststellen, dass ihr damaliges Bild, ihre geliebte Heimat und die Menschen darin, ein verklärtes Bild war. Die kleine Inge trifft auf den Geigenmann, wie sie ihn nennt und zu ihrer großen Freude unterrichtet er sie im Geigenspiel. Der Weg zu ihm führt durch einen Wald, den sie zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegt. Eines Tages dann beobachtet sie ein Verbrechen…

    Und da ist Helga, die den Auftrag für eine Chronik der Kreisbauernschaft erhält und dafür viel mit den Menschen hier redet. Es sind viele Tagebücher zusammengekommen, die Inge Jahrzehnte später liest und spätestens da wird ihr idyllisches Bild irreversibel zurechtgerückt. Es sind schmerzhafte Wahrheiten, von denen viele hier wussten und geschwiegen haben.

    Der Roman entspricht in weiten Teilen der Wirklichkeit, untermalt von fiktiven Elementen. Es ist ein historisch belegtes Zeitdokument, das von Euthanasie an behinderten Kindern berichtet. Von einem Kriegsverbrecher, einem SS-Mann an vorderster Front, der sich unter falschem Namen jahrelang in dieser Gegend versteckt hat. Wohlgemerkt mit Hilfe der hier Ansässigen, die vieles verdrängt, sehr vieles vertuscht haben. Es waren Mitläufer, vielfach aber waren es Täter, die sich auch später dann die gut dotierten Posten zugeschachert haben. Und ja, man weiß um das Vergangene, um die Gräueltaten während des Nazi-Regimes, die nie in Vergessenheit geraten dürfen. Und doch bleibt vieles im Verborgenen.

    Anja Jonuleit hat einen aufwühlenden Roman vorgelegt, der in großen Teilen von der Vergangenheit erzählt - aus Sicht der jungen Inge und aus Sicht von Helga, der Chronistin. Sämtliche Personen, denn es sind doch so einige mehr als die oben genannten, sind aufs Beste charakterisiert, die einzelnen Erzählstränge durch die verschiedenen Schriftarten gut auseinanderzuhalten und auch ist es der am Ende näher beschriebene historische Hintergrund sowie die letzten Anmerkungen der Autorin, die diesen Roman abrunden. Ein Buch, das betroffen macht. Eine Geschichte – ein Teil unserer Geschichte - die gelesen werden will, die ich allen geschichtlich Interessierten gerne empfehle.
    39 Grad Mord

    Jenny Lund Madsen
    39 Grad Mord (Buch)

    2 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    20.03.2026

    Leicht, seicht, vorhersehbar

    Hannah Krause-Bendix, ihres Zeichens Schriftstellerin, hat eine Schreibblockade. Ihr erster Krimi war ein durchschlagender Erfolg, für den nächsten dieser Art hat sie den Vorschuss kassiert, ihn auch schon ausgegeben, aber ihr will nichts einfallen. Trotzdem sitzt ihr der Abgabetermin im Nacken. Was tun? Ihr Lektor hat einen Plan, dem sie sich zunächst widersetzt, ihn aber doch annimmt. Es hätte weniger luxuriös kommen können, denn er schickt sie nach Sizilien, direkt hinein in einen Traum von Haus. Dass diese Villa ihrem erfolgreichen Krimi-Kollegen gehört, weiß sie zunächst nicht. Denn ob sie dann hierher gefahren wäre, ist äußerst fraglich, kann sie doch diesen Typen so gar nicht leiden.
    Dass Autoren zuweilen an einer Schreibblockade leiden, scheint momentan eine gängige Einstiegsmethode in einen Krimi zu sein. Nun gut, Hannah ist noch sehr viel mehr als nur die verhinderte Schreiberin eines schnöden Krimis, sie sieht sich vielmehr als diejenige, die nichts weniger als hochwertige Literatur verfasst. Sie leidet an Selbstüberschätzung, würde ich sagen, denn reihenweise Liebesromane sind eher seichte Kost. Sei´s drum. Sie ist auf Sizilien und kaum angekommen, sucht sie sich ein Lokal, schließlich muss sie etwas zu sich nehmen. Und ja, sie isst schon irgendwas, aber hauptsächlich ernährt sie sich nass. Sprich: sie ist dem Alkohol sehr zugetan. Und wie es der Zufall so will, findet sie in ihrem benebelten Zustand, zudem ist es dunkel geworden, nicht mehr in die Villa, also ruft sie ein Ehepaar, das sie in besagtem Lokal kennengelernt hat, an. Er holt sie ab, seine Frau Gemahlin hat gekocht, sie bechern munter weiter, also schläft sie hier. Am nächsten Tag findet sie irgendwie zu sich und, was noch beängstigender ist, sie findet die Frau des Hauses, Greta, mausetot am Küchenboden liegen.
    Was ich hier etwas flapsig wiedergegeben habe, ist mein erstes und eigentlich durchgängiges Empfinden über diese Story. Die Hauptakteurin Hannah trinkt, um es mal geschönt auszudrücken. Sie ist von sich absolut überzeugt, andere sind in ihren Augen absolute Looser. Der Tod von Greta wird der örtlichen Polizei angezeigt, diese jedoch ist unfähig und selbstredend ermittelt Hannah heimlich. Und klar, nur sie hat den absoluten Spürsinn. Ihre Geliebte kommt ins Spiel, sie ist verheiratet, hat zwei kleine Kinder und genau deswegen kann und will sie ihr Leben nicht aufgeben. Hannah jedoch verlangt von ihr, zigtausend Kilometer zu ihr zu ziehen, sie jedoch denkt nicht im Traum daran, ihr Singledasein aufzugeben. So geht es munter weiter, sie nennt eine junge Polizistin „Kinderpolizistin“, da sie im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen eben kleiner und zarter ist. Die ganze Story ist krampfhaft bemüht, originell zu sein. Dabei wird die Figur Hannah in ihrer Respektlosigkeit als Heldin gesehen. Sie agiert dummdreist und frech, lügt, was das Zeug hält. Dem kann ich absolut nichts abgewinnen und auch wenn sich das Buch ganz flott liest, so dreht sich die Story um die Daueralkoholbenebelte Hannah. Neben der Kinderpolizistin kommen noch so einige verunglückte Wortungetüme vor, die nicht mal im Ansatz witzig sind.
    „39 Grad Mord“ ist sehr leichte, seichte Kost, die man lesen kann, es aber nicht zwangsläufig muss. Wer sich an aneinandergereihten Klischees und an einer vorhersehbaren Story nicht stört, wird diesen Kriminalroman durchaus etwas abgewinnen können.
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