Beeindruckender Debütroman
Woody Browns Debütroman "Ein ganz normales Wunder" ist inspiriert von seinen eigenen Erfahrungen. Der 29-jährige US-Amerikaner ist der erste nicht-sprechende autistische Absolvent der University of California, wo er zudem mit Summa cum laude für sein Schreiben ausgezeichnet wurde. Seinen Master of Fine Arts im Bereich Creative Writing schloss er 2024 an der renommierten Columbia University ab.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der nicht-sprechende Autist Walter, der bereits mit 3 Jahren gelernt hat, mit Hilfe einer Buchstabentafel zu kommunizieren. Mit Unterstützung seiner Mutter, die sich dafür eingesetzt hat, dass Walter eine Schulausbildung erhält, gelingt es ihm, nach der Highschool und dem College ein Studium abzuschließen. Als sein Vater stirbt und seine Mutter sich eine Ganztagsstelle suchen muss, kann Walter nicht allein zuhause bleiben und wird fortan gemeinsam mit weiteren jungen Erwachsenen mit Autismus und anderen Behinderungen in der Tagesstätte Upward Bound betreut.
Der Autor beschreibt in seinem Buch in einzelnen nicht chronologischen und teilweise miteinander verwobenen Episoden den Alltag in der Tagesstätte mit all seinen Schwierigkeiten und Herausforderungen. Neben Walter lernen wir weitere Schützlinge kennen, wie den Ausreißer Jorge, der sich gern versteckt, und Emma, die Walter seit seinem sechsten Lebensjahr kennt. Tom sitzt wegen einer Zerebralparese im Rollstuhl, er kann nicht kommunizieren und sieht aus wie ein Filmstar.
Wir begegnen auch Dave, dem Leiter der Einrichtung. Er empfindet seinen Beruf als frustrierend, dennoch macht er als Verwaltungschef einen guten Job und ist ständig bemüht, Spenden zu generieren. Er ist weder Psychologe noch in Sonderpädagogik ausgebildet, es mangelt ihm an Empathie gegenüber den Schützlingen und seinem Personal. Sein zuverlässigster Mitarbeiter ist Carlos, dieser zeigt viel Feingefühl und kümmert sich besonders intensiv um Jorge. Die junge Psychologiestudentin Ann bringt für ein paar Monate frischen Wind in die Einrichtung. Sie zeigt ehrliches Interesse für die Insassen der Einrichtung und wächst an ihren Aufgaben.
Ich mochte den hochintelligenten Walter, der einen scharfen Blick auf sein Umfeld hat. Seine Tage im Upward Bound bestehen vorwiegend aus Langeweile und Routinen, lediglich die Aufenthalte im Pool und regelmäßig stattfindende Ausflüge in ein Einkaufszentrum bieten eine willkommene Abwechslung. Der Abschnitt über Dave hat mir sehr gut gefallen, ich konnte seine Einsamkeit und die Trauer um eine verlorene Liebe gut nachempfinden. Toms Geschichte war herzzerreißend, und ich habe gehofft, dass Ann sein Blinzeln mit den Augen endlich richtig deutet. Ich mochte auch die allerdings etwas zu lang geratene Geschichte um die Target-Kassiererin Avery, die seit langem die Gruppe beobachtet und sich vorstellen kann, mit Behinderten zu arbeiten.
Es hat mir sehr gut gefallen, dass jedes Kapitel aus der Perspektive der einzelnen Beteiligten geschrieben ist. Diese Erzählweise ermöglicht dem Leser, die Protagonisten und ihre Gefühls- und Gedankenwelt besonders intensiv kennenzulernen. Ich habe den Roman, der für die Aktion „Deutschland liest ein Buch“ ausgewählt wurde, sehr gern gelesen, er hat mich zutiefst bewegt und mir intensive Einblicke in eine Welt vermittelt, die den meisten Menschen unbekannt ist.
Leseempfehlung für diesen beeindruckenden Roman!