Nähe, die verloren geht
In "Dabei waren wir uns immer so nah" begleiten wir Merle, Katharina und Henri. Drei Freundinnen, die sich seit der Unizeit kennen, deren Leben sich mit der Zeit aber in ganz unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. Der Roman stellt sich die Frage, was von einer Freundschaft übrig bleibt, wenn sich alles drum herum verändert?
Ich bin gut in die Geschichte hineingekommen und mochte besonders die wechselnden Perspektiven zwischen den 3 Protagonistinnen. Die Kapitel waren durch Überschriften klar gekennzeichnet und durch den Wechsel lernte man die drei Frauen und ihre jeweiligen Lebenssituationen zügig kennen. Den Schreibstil empfand ich als eher schlicht, wodurch sich das Buch aber auch sehr schnell und angenehm las. Sprachlich hätte ich mir dennoch etwas mehr gewünscht und auch viele Gedankengänge wurden durch den direkten Stil vorweggenommen.
Besonders gut gefallen hat mir die Darstellung von Freundschaft, die sich im Laufe des Lebens verändert. Man kann sich nahestehen und sich trotzdem irgendwann auseinanderleben. So können unterschiedliche Lebensentwürfe, Partnerschaften, Kinderwunsch und andere Verpflichtungen dafür sorgen, dass aus Nähe langsam Distanz wird. Dieses Thema wirkte auf mich sehr nahbar und betrifft sicherlich jede/n.
Statt sich aber aktiv mit ihrer sich verändernden Freundschaft auseinanderzusetzen, verbrachten die 3 jedoch sehr viel Zeit in ihren eigenen Gedankenwelten. Es wurde viel empfunden und gedacht, aber wenig ausgesprochen. Es kam mir oftmals auch sehr ich-zentriert vor, sich in die anderen hineinzuversetzen gelang überwiegend nur meiner Lieblingsfigur Henri. Ich konnte zwar vieles davon nachvollziehen, wollte beim Lesen aber doch das ein oder andere Mal sagen: Redet doch einfach miteinander! So kam es auch erst recht spät zu einem Aufeinandertreffen der einzelnen Freundinnen miteinander.
Die drei Charaktere fand ich grundsätzlich nachvollziehbar und authentisch, wobei ich mit manchen mehr anfangen konnte als mit anderen. Henri war dabei ganz klar meine Favoritin. Ihre Geschichte hat mich am meisten interessiert und wirkte für mich am facettenreichsten. Denn bei Katharina und Merle stand das Thema Kinderkriegen bzw. -haben sehr im Fokus. Das empfinde ich zwar nachvollziehbar, weil die Frauen im gebärfähigen Alter sich verständlicherweise damit auseinandersetzen, doch die beiden Figuren waren dadurch auch sehr eindimensional. Gefühlt gab es nur sehr wenig neben dem Thema Kinder und auch hier fehlte mir das hineinversetzen in die jeweils anderen Personen.
Dennoch fand ich insgesamt schön, wie alltäglich und dadurch greifbar die Geschichte wirkte. Es geht um Freundschaft, Lebensentscheidungen, Nähe und Distanz und um die Frage, was passiert, wenn Menschen, die sich einmal sehr nah waren, plötzlich an ganz unterschiedlichen Punkten im Leben stehen. Und sich dadurch vielleicht auch durch einen unterschwelligen Neid oder Streit entfremden.
Emotional hat mich der Roman allerdings nicht ganz erreicht. Ich fand ihn kurzweilig und durchaus lesenswert, aber mir fehlte an manchen Stellen die emotionale Tiefe und besonders die wirklich tiefe Verbindung zwischen den Freundinnen. Ein ruhiger, greifbarer Roman über Freundschaft und unterschiedliche Lebenswege – für mich schön zu lesen, aber leider kein echtes Herzensbuch. Dafür hätte es dann doch facettenreicher sein müssen und hätte meiner Meinung nach noch gut 200 Seiten vertragen können!