Schliessmanns Meisterschaft am singenden FAZIOLI - Klang, Geist und Poesie
Schon der erste Atemzug der Sinfonia aus Bachs Zweiter Partita wirkt wie das Öffnen eines gewaltigen Klangtores: ein einziger, weit ausrollender Akkord, der sich wie ein Lichtstrahl über den Raum legt. In diesem Moment wird klar, dass hier kein bloßes Spielen stattfindet, sondern ein Gestalten, ein
Erschaffen. Der Fazioli F278, auf dem Schliessmann musiziert, antwortet mit
einer Wachheit, als sei er selbst ein atmendes Wesen, das jede Berührung in
reine Resonanz verwandelt.
Schliessmann formt diese Partita nicht aus Noten, sondern aus Bewegungen, aus Gesten, die tief im harmonischen Gefüge verwurzelt sind. Die später aufblühende Passage der Sinfonia huscht wie ein Windstoß vorbei, während die Allemande sich mit einer Zartheit entfaltet, die an das Öffnen einer Blüte erinnert: jede Note ein eigener Duft, jede Linie ein eigener Schatten. Die Courante trägt eine stille Hoheit, als sei sie aus dem Geist eines höfischen Tanzes geboren, und die Verzierungen wirken wie feine Goldfäden, die das Ganze zusammenhalten.
In der Sarabande lässt Schliessmann die Basslinie der linken Hand mit einem Ton erklingen, der an den Strich eines Cellobogens erinnert - warm, leicht, schwebend. Das Rondeau erhält durch seine pointierte Artikulation einen fast schelmischen Glanz, und das abschließende Capriccio schreitet mit ruhiger Entschlossenheit voran, als würde unter der Oberfläche ein stilles Leuchten glimmen. Diese Lesart der Partita wirkt wie ein lebendiges Wesen, das sich im Moment des Erklingens selbst erschafft.
Auch das Italienische Konzert beginnt mit einem Akkord, der wie ein
majestätischer Auftakt zu einem barocken Schauspiel wirkt. Die Verzierungen schweben über der Oberfläche wie filigrane Ornamente aus Glas, und Bachs harmonische Wendungen funkeln wie kleine Überraschungen im Mosaik. Der Mittelsatz wird so langsam und innig gespielt, dass jeder Ton der linken Hand wie ein einzeln gesetzter Stein wirkt, über dem die rechte Hand eine leise, fast intime Melodie singt. Das Finale wiederum ist von kristalliner Klarheit durchzogen, und der markante Anfangssprung wirkt wie ein immer wiederkehrender Ruf.
Doch am stärksten leuchtet die Chromatische Fantasie und Fuge. Die Fantasie ist ein freier Strom, ein musikalischer Monolog, der sich wie ein Traum entfaltet. Die Fuge hingegen erhebt sich mit einer Strenge, die an die
Architektur einer gotischen Kathedrale erinnert. Und doch bleibt jede Linie
durchsichtig, jede Stimme klar. Der hohe Schluss der Fuge scheint sich in
den Himmel zu verlängern, als würde der Klang selbst nach oben steigen.
Diese Bach-Interpretationen bilden ein leuchtendes Gegenstück zu
Schliessmanns Goldberg-Variationen. Man spürt darin die Prägung seines
Lehrers Helmut Walcha, dessen Ideal der unabhängigen Stimmführung hier wie ein fernes Echo weiterlebt.
Mendelssohns Variations sérieuses schließen sich an wie ein Spiegel, der das zuvor Gehörte in anderem Licht reflektiert. Die Linienführung ist ebenso
durchsichtig wie bei Bach, und schon die erste Variation zeigt diese
Unabhängigkeit der Stimmen. Das Werk erscheint wie ein monumentaler Pfeiler der Klavierliteratur. Die fünfte Variation glüht vor Fantasie, die sechste
öffnet ein Tor zu Mendelssohns dunkleren Seelenräumen. Die siebte Variation funkelt vor Virtuosität, während die zehnte mit strenger Klarheit auftritt. Variation 13 trägt denselben analytischen Atem. Das Finale schließlich ist ein Wirbel aus Energie und Schönheit, dessen Schlussakkorde wie schwere, glänzende Steine in den Raum fallen.
Auf der zweiten CD flammt Schumanns Fantasie auf wie ein großes romantisches Feuer. Schliessmanns frühere Einspielung war von makelloser Integrität; diese neue Lesart wirkt menschlicher, unmittelbarer, verletzlicher. Die emotionalen Ausbrüche des ersten Satzes steigen wie Wellen auf. Sein
Schumann-Klang ist warm, dunkel, schimmernd - ein Klang, der sich im FAZIOLI F278 vollkommen entfaltet. Die Schlussakkorde des ersten Satzes sind wie ein Atemzug, der sich langsam schließt. Im Finale, dessen Gesang oft missverstanden wird, findet Schliessmann die perfekte Balance: Die Melodie bleibt präsent, selbst wenn sie in die tieferen Stimmen wandert. Der Satz trägt einen natürlichen Sog, als würde er sich selbst vorwärtsziehen.
Die Zugaben bilden ein poetisches Nachspiel: Chopins Walzer op. 64 Nr. 2,
dessen Rhythmus wie ein leiser Herzschlag bleibt, und Schumanns
"Chopin"-Stück aus dem Carnaval, das wie ein Traum von einem
Chopin-Impromptu wirkt. Nichts wird überhastet, und doch funkeln die Läufe,
die Melodien blühen, das Rubato atmet. Den Abschluss bildet Schumanns
Warum?, ein Stück, das Schliessmann wie ein Gespräch mehrerer Stimmen
gestaltet - ein leises, fragendes, inniges Ende eines großen Abends.
Ein stiller Held dieses Projekts ist Tonmeister Matteo Costa, der den
FAZIOLI so einfängt, als würde man direkt neben dem Instrument sitzen.
Schliessmanns eigene Booklet-Texte bilden den gedanklichen Rahmen. Sein
forschender Geist und seine souveräne Technik führen zu Interpretationen,
die gleichermaßen Herz und Verstand ansprechen. Ein Erlebnis, das man nicht vergisst.