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    Bücherfreundin

    Aktiv seit: 04. September 2021
    "Hilfreich"-Bewertungen: 69

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    375 Rezensionen

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    Wir in zehn Jahren

    Jessica Stanley
    Wir in zehn Jahren (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    27.05.2026

    Lebensnah erzählte Beziehungsgeschichte

    In ihrem zweiten Roman "Wir in zehn Jahren" erzählt die australische, in London lebende Autorin Jessica Stanley rückblickend die Geschichte eines Paares, das seit zehn Jahren zusammen ist.

    Die Werbetexterin Coralie Bower ist knapp Dreißig und vor einem halben Jahr von Australien nach London versetzt worden. Nachdem sie die 4-jährige Zora vor dem Ertrinken in einem Ententeich gerettet hat, lernt sie deren Vater Adam Whiteman kennen. Der 37-Jährige ist geschieden und arbeitet als Autor, politischer Journalist und Kommentator. Die beiden stellen viele Gemeinsamkeiten fest, verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Bald gibt Coralie ihre Wohnung auf und zieht in Adams Haus, das sie über Monate nach ihren Vorstellungen umgestalten. Sie steckt ihre gesamten Ersparnisse in das Projekt, derweil stellt Adam sein Buchprojekt fertig und nimmt das nächste in Angriff. Die beiden Wunschkinder Florence und Max werden geboren. Mit viel Elan schafft es Cora, Beruf, Familie, Haushalt und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen. Die Jahre vergehen, inzwischen ist sie hoffnungslos überfordert. Der tägliche Stress lässt sie verzweifeln, Schuldgefühle auf der Arbeit und zuhause machen ihr zu schaffen. Sie hat kaum einmal Zeit für sich und ihre eigenen Bedürfnisse, so kann es nicht mehr weitergehen ...

    Die Handlung beginnt mit dem Jahr 2013 und erstreckt sich über 10 Jahre. Wir begleiten Coralie und Adam vor dem Hintergrund eines ereignisreichen Jahrzehnts in Großbritannien, als das Land fünf Premierminister wählte, der Brexit die britische Gesellschaft spaltete und die Corona-Pandemie abrupt den Alltag veränderte. Coralie ist von Beginn der Beziehung an die Gebende, sie kümmert sich um fast alles, hält Adam den Rücken frei, ist ständig bemüht, es allen recht zu machen und opfert sich dabei mehr und mehr auf. Jessica Stanley zeichnet in ihrem Roman ein ehrliches Bild von den Herausforderungen, denen heutzutage viele junge Frauen, die sich Kinder wünschen und Karriere machen wollen, gegenüberstehen.

    Die unterhaltsame Geschichte ist in intelligenter Sprache mit feinem Humor erzählt und liest sich sehr flüssig. Nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch die Nebenfiguren sind authentisch und mit viel Empathie beschrieben. Es hat mir viel Lesefreude bereitet, in Coralies Leben mit all seinen Höhen und Tiefen einzutauchen und dabei auch Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt zu erhalten. Ich mochte die junge Frau und fand es bewundernswert, mit welcher Hingabe sie sich in die Beziehung mit Adam einbringt, habe aber auch schon früh gesehen, dass sie sich zu viel aufbürdet und dabei permanent überfordert. Eine weitere Lieblingsfigur war für mich Coralies jüngerer Bruder Daniel, der sich in Australien um seine kranke Mutter kümmert und später in London auch für seine Schwester da ist.

    Dass die politischen Themen in diesem Beziehungsroman relativ viel Raum einnehmen, hat mir nicht so gut gefallen. Hier wäre für mich weniger mehr gewesen. Nichtsdestotrotz habe ich das Buch, in dem es um Liebe und Familie, um Partnerschaft und Mutterschaft geht, bis zum für mich stimmigen Ende sehr gern gelesen, es hat mich gefesselt und berührt

    Leseempfehlung für diesen großartigen Roman!
    Die Namen

    Florence Knapp
    Die Namen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    19.05.2026

    Großartiger Debütroman, der unter die Haut geht

    In ihrem Debütroman "Die Namen" erzählt die britische Autorin Florence Knapp in drei unterschiedlichen Versionen die Geschichte einer Familie über einen Zeitraum von 35 Jahren.
     
    Zu Beginn des Buches, wir schreiben das Jahr 1987, lernen wir Cora Atkin kennen, die mit ihrem Mann Gordon, einem angesehenen und beliebten Allgemeinmediziner, verheiratet ist. Das Paar hat zwei Kinder: die neunjährige Maia und den neugeborenen Sohn. Cora ist nicht glücklich in ihrer Ehe, Gordon dominiert und kontrolliert sie nicht nur, er schreckt auch vor gewalttätigen Übergriffen nicht zurück. Wegen des anstehenden Besuchs seiner Eltern beauftragt er seine Frau, den Kleinen beim Standesamt anzumelden. Traditionsgemäß soll er Gordon heißen wie sein Vater und sein Großvater. Doch der Name gefällt Cora nicht, sie findet "Julian" viel schöner, während Maia den Namen "Bear" favorisiert. Cora trifft eine folgenschwere Entscheidung ....
     
    In den drei sich abwechselnden Erzählsträngen "Bear", "Julian" und "Gordon" begleiten wir Cora und ihre Familie auf drei vollkommen unterschiedlichen Lebenswegen. Im ersten Strang meldet sie ihr Baby unter dem Namen "Bear" an, weil Maia den Namen kuschelig, weich und lieb findet, gleichzeitig aber auch mutig und stark. Im zweiten Strang heißt der Junge "Julian". Diesen Namen hat Cora für ihn gewählt, weil er "Himmelsvater" bedeutet. Auf der dritten Erzählebene meldet sie das Neugeborene nach dem Willen ihres Mannes als "Gordon" an.
    Jeder Erzählstrang beginnt mit der Anmeldung des Kindes auf einen der drei Namen und der darauffolgenden Reaktion von Coras Ehemann. In 7-Jahres-Abständen gewährt die Autorin intensive Einblicke in den Alltag und das Leben der Protagonisten. Sie beschreibt wichtige und prägende Ereignisse innerhalb der Familie, bis der Junge 35 Jahre alt ist.

    Es war einerseits spannend, die drei unterschiedlichen Lebenswege der Familie zu verfolgen, auf der anderen Seite war das zentrale Thema Häusliche Gewalt für mich nur sehr schwer zu ertragen. Gordon ist äußerst brutal, Demütigungen sowie physische und psychische Verletzungen gehören für seine Frau zum traurigen Alltag.

    Die Charakterzeichnung der Figuren ist der Autorin hervorragend gelungen. Mit der hilflosen und in ihrer toxischen Ehe gefangenen Cora hatte ich großes Mitleid und habe mir oft gewünscht, dass sie endlich den Mut findet, Gordon zu verlassen. Meine Lieblingsfiguren waren Bear, Julian und Maia, ich fand ihre Entwicklung über die Jahre sehr gut und authentisch dargestellt. Das fesselnde Buch ist mir unter die Haut gegangen, es hat mich zutiefst berührt, zugleich hat es mich aber auch wütend und sehr nachdenklich gemacht.
     
    Absolute Leseempfehlung für alle Leserinnen und Leser, die vor dem ernsten Thema Häusliche Gewalt nicht zurückschrecken.
    Das Mosaik der Frauen

    Rafik Schami
    Das Mosaik der Frauen (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    19.05.2026

    Nadim und die Frauen seines Lebens

    Der deutsch-syrische Autor Rafik Schami, der 1970 aus Syrien floh und 1971 nach Deutschland kam, widmet sich in seinen Büchern neben dem Leben von Migranten in Deutschland auch intensiv der Darstellung der arabischen und syrischen Welt in der Vergangenheit und Gegenwart.

    Im ersten Teil von "Das Mosaik der Frauen" lernen wir Said Mardini kennen, der 1971 als Student der Literatur und Philosophie von Syrien nach Deutschland flieht, weil er wegen einer Rede gegen die Diktatur festgenommen werden sollte. Um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, arbeitet er in vielen Aushilfsjobs. Dabei lernt er die deutsche Sprache und besteht nach nur einem Jahr die Sprachprüfung mit Bestnoten. Nach Abschluss seines Studiums wird er Simultandolmetscher. Er verdient sehr gut und beginnt, seine eigenen Gedichte, Romane und Kurzgeschichten ins Deutsche zu übersetzen. Die Verlage sind an seinen Werken nicht interessiert, Jahre später verlegt ein Berliner Verlag einige seiner Bücher für arabisch Lesende. Die Jahre vergehen, wir schreiben mittlerweile das Jahr 2016, Said ist mit einer Lehrerin verheiratet und lebt in Mannheim. Ein Freund aus Studententagen, der mittlerweile Chef einer Klinik in Heidelberg ist, meldet sich bei ihm wegen eines Patienten, der schwer herzkrank ist und nicht mehr lange leben wird. Er heißt Nadim Suri, stammt wie Said aus Syrien und kennt dessen Bücher seit 20 Jahren. Sein Wunsch ist es, Said seine Lebensgeschichte zu erzählen.

    Im zweiten Teil des Buches lässt der Ich-Erzähler Nadim Suri, dessen Herzschwäche sich durch den Tod seiner Frau verstärkt hat, sein Leben Revue passieren. Der wohlhabende Geschäftsmann, der eine große Dolmetscher- und Übersetzerfirma besaß, floh vor über 45 Jahren von Damaskus nach Deutschland.
    An 10 Tagen erzählt Nadim aus seinem Leben und stellt dabei die Frauen, die ihn prägten, in den Fokus. Die erste wichtige Frau ist seine Mutter Elisabeth, die von seinem Vater Monalisa genannt wird. Sie war 8 Jahre alt, als sie mit ihrer Familie vor dem Naziregime in Deutschland nach Damaskus floh. Sie heiratete einen Arzt, und 1945 wurde Nadim geboren. Seine Eltern gehen sehr respektvoll miteinander um, er hat keine Angst vor ihnen, sie sind ihm Freunde und Berater. Er beginnt, sich für Literatur zu interessieren und engagiert sich politisch ...

    Nadim widmet seine Lebensgeschichte zwar den Frauen seines Lebens, schweift aber immer wieder ab und erzählt von Personen, die für die Handlung keine nennenswerte Bedeutung haben. Es ist typisch für Rafik Schami, dass sich innerhalb seiner Rahmenhandlungen eine Serie von Episoden entfaltet. Diese Ausflüge in andere Lebensläufe fand ich mal mehr, mal weniger interessant, die Geschichten über die wichtigsten Frauen in Nadims Leben interessierten und fesselten mich deutlich mehr.

    Die Geschichte ist im Stil orientalischer Erzählkunst mit viel Herz und auch feinem Humor erzählt und liest sich flüssig. Die interessanten Charaktere sind mit viel Empathie und authentisch skizziert. Der Autor, der sich seit vielen Jahren für die Aussöhnung zwischen Palästinensern und Israelis einsetzt, verknüpft jedes Kapitel mit den politischen Ereignissen und kritisiert jegliche Art von religiösem Fanatismus. Er gewährt uns nicht nur interessante Einblicke in die orientalischen Lebens- und Gedankenwelten, sondern beschreibt auch die Wirkung deutscher Verhaltensweisen auf die Geflüchteten.  

    Das Buch, in dem es neben Liebe und Verlust auch um Politik und Kultur, Migration und Religion geht, hat mir sehr gut gefallen, obwohl die häufigen Abschweifungen in Nadims Lebensgeschichte meinen Lesefluss etwas bremsten.
    John of John

    Douglas Stuart
    John of John (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    12.05.2026

    Ergreifender Roman über eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung

    Nach seinem erfolgreichen Romandebüt "Shuggie Bain", für das er 2020 den Booker Prize erhalten hat, und seinem zweiten Roman "Young Mungo" hat der schottisch-amerikanische Schriftsteller Douglas Stuart nun sein drittes Werk, "John of John", veröffentlicht.

    Im Mittelpunkt der in den neunziger Jahren spielenden Geschichte steht der 22-jährige John Calum McLeod, genannt Cal, der in Edinburgh sein Kunststudium erfolgreich abgeschlossen hat. Nachdem sein Vater John ihn aufgefordert hat, nach Hause zurückzukehren, weil es seiner Großmutter nicht gut gehe, macht Cal sich nach vier Jahren in der schottischen Hauptstadt auf den 400 km langen Weg nach Falabay, einem kleinen Ort auf der Insel Harris in den Äußeren Hebriden, wo sein Vater John mit Cals Großmutter Ella in einem kleinen Crofthaus lebt. John ist Schafzüchter und fertigt als Weber den traditionellen Harris-Tweed. Wie alle Inselbewohner gehört er den Freien Presbyterianern an und ist tief in seinem Glauben verwurzelt. Er weiß nicht, dass Cal mangels beruflicher Perspektive wohnungslos war und bei einer albanischen Putzkolonne jobbte. Seine Enttäuschung über Cals Arbeitslosigkeit kann er nicht verbergen, und die langen, gefärbten Haare seines Sohnes stellen für ihn eine Provokation dar.

    Cal fällt es nach den selbstbestimmten Jahren in Edinburgh schwer, sich wieder an die häusliche Enge, die unnachgiebige Dominanz seines Vaters und das traditionelle Umfeld zu gewöhnen. Das Geld ist knapp, und fortan unterstützt er John bei der Schafzucht und am Webstuhl. Vater und Sohn lieben sich, dennoch sind beide nicht in der Lage, ihre Gefühle zu zeigen, vieles bleibt ungesagt. John weiß nicht um Cals Homosexualität, und auch Cal ahnt nicht, welche Geheimnisse John bewahrt.

    Der Roman ist in klarer, sehr direkter Sprache geschrieben und liest sich sehr flüssig. Douglas Stuart zeichnet seine Charaktere nicht nur authentisch und facettenreich, er beschreibt auch ihre innere Zerrissenheit sehr eindrucksvoll. Die Geschichte ging mir unter die Haut, ich habe mit den Protagonisten mitgelitten und mir gewünscht, dass sie sich endlich einander öffnen. Die Entwicklung der Figuren ist glaubhaft und ganz wunderbar beschrieben. Ella ist mir besonders ans Herz gewachsen, sie ist selbst eine Außenseiterin und Cal eine Komplizin, die für ihn eintritt und ihn unterstützt.

    Sehr beeindruckend fand ich Douglas Stuarts faszinierende Beschreibungen der rauen und kargen Landschaft. Auch der Alltag der Schafzüchter, Fischer und Weber unter den harten Lebensbedingungen ist intensiv geschildert. In vielen Familien entstehen über Generationen hinweg auf den Familienwebstühlen, die mit Trittpedalen angetrieben werden, kunstvolle Kreationen.

    Das Buch, in dem es neben einem schwierigen Vater-Sohn-Verhältnis auch um Liebe und Sehnsucht, Scham, Schmerz und Schuldgefühle geht, hat mir sehr gut gefallen, es hat mich gefesselt, erschüttert und zutiefst berührt.

    Absolute Leseempfehlung für dieses großartige und tiefgründige Werk!
    Hazel sagt Nein

    Jessica Berger Gross
    Hazel sagt Nein (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    29.04.2026

    Lesenswertes Debüt über ein wichtiges Thema

    Im Debütroman "Hazel sagt nein" der amerikanischen Autorin Jessica Berger Gross steht die 18-jährige Schülerin Hazel Blum im Mittelpunkt, die gerade mit ihren Eltern Claire und Gus sowie ihrem 11-jährigen Bruder Wolf von New York nach Riverburg, einer ruhigen Kleinstadt in Maine, gezogen ist. Gus hat dort eine Professur angetreten, Claire ist studierte Modedesignerin und arbeitet an einer eigenen Kollektion. 
    An ihrem ersten Schultag des letzten Schuljahrs an der Highschool wird Hazel zu Richard White gerufen, dem Direktor der Schule. Er eröffnet ihr, dass er sich in jedem Jahr eine Schülerin aussucht, mit der er eine sexuelle Beziehung hat. In diesem Jahr fällt seine Wahl auf Hazel, und er verspricht ihr, als Gegenleistung dafür zu sorgen, dass sie den ersehnten Studienplatz an ihrem Wunschcollege Vassar bekommt. Doch Hazel ist die Erste, die es wagt, ihn abzuweisen, nicht ahnend, welche Kette von Ereignissen dieses Nein in Gang setzen wird.
     
    Die Geschichte ist in klarer Sprache abwechselnd aus der Sicht von Hazel, Wolf, Claire und Gus erzählt und liest sich sehr flüssig. Die Erzählweise hat mir gut gefallen, sie ermöglichte es mir, in die Gefühls- und Gedankenwelt der einzelnen Familienmitglieder zu blicken. Sie alle werden nun mit den Konsequenzen von Hazels Nein konfrontiert und müssen versuchen, damit zu leben. Es bleibt nicht aus, dass der ungeheuerliche Vorfall und Hazels Identität bald bekannt werden. Für sie und ihre Familie kommt es zu Schikanen und Anfeindungen, während Richard White zwar vom Dienst suspendiert wird, die Vorwürfe jedoch bestreitet. Er behauptet sogar, dass Hazel sich ihm gegenüber unangemessen verhalten habe. 

    Bis zu der Stelle, als Hazels Aufsatz veröffentlicht wird, habe ich das fesselnde Buch gern gelesen. Die Handlung driftete leider ins Unrealistische ab, ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine 18-jährige Schülerin aufgrund eines Aufsatzes nun quasi als Star am Literaturhimmel gefeiert und gedrängt wird, ein Buch zu schreiben, das nach seinem Erscheinen vielleicht sogar verfilmt wird. Dieser ganze Medienrummel nimmt sehr viel Raum ein, ich fand ihn übertrieben und unrealistisch, und es wurde mir damit schon bald zu viel.

    Die Charaktere sind sehr gut gezeichnet, und ich fand es interessant, Hazels Entwicklung zur selbstbewussten jungen Frau, die nun weiß, was sie will, zu verfolgen. Meine Lieblingsfigur war ihr Bruder Wolf, der ADHS hat und wegen des Vorfalls die ersehnte Hauptrolle in einer Theateraufführung der Schule verliert. Allerdings fand ich ihn nicht altersgerecht dargestellt, ich kenne keinen Elfjährigen, der sich so verhält und spricht wie Wolf. 

    Trotz meiner Kritikpunkte finde ich das Debüt der Autorin, in dem es neben Machtmissbrauch auch um Mobbing, Ausgrenzung und Antisemitismus geht, durchaus lesenswert.
    Nach Santiago wollte ich nie

    Cornelia Koch
    Nach Santiago wollte ich nie (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    23.04.2026

    Beeindruckendes und mitreißendes Buch über eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela

    In ihrem Buch "Nach Santiago wollte ich nie" beschreibt die Journalistin und Kommunikationstrainerin Cornelia Koch ihre abenteuerliche Wanderung nach Santiago de Compostela, die sie während eines Zeitraums von etwas über 5 Monaten durch Deutschland, Frankreich und Spanien führte.

    Die in Potsdam lebende Cornelia beschließt nach einer durch den Tod zweier ihr nahestehender Personen ausgelösten Sinn- und Lebenskrise, den Jakobsweg zu gehen. Ihr Arbeitgeber bewilligt ihr ein sechsmonatiges Sabbatical, ihre Freundin Kerstin unterstützt sie tatkräftig bei der Auswahl ihrer Outdoor-Ausrüstung und wird sie die ersten 14 Tage begleiten. Der Plan ist, Cousinen und Freunde zu besuchen und ab Osnabrück auf dem Jakobsweg zu bleiben. Den ersten Pilgerstempel hat sie sich bereits am Vortag in der nahe gelegenen Kirche geholt, und am 29. April 2023 geht es mit einem 9 kg schweren Rucksack los. Gleich der erste Tag ist eine Herausforderung für Cornelia: ihre Knie schmerzen, in der Nacht kommt sie in ihrem Zelt kaum zur Ruhe, weil sie friert. Doch sie beißt die Zähne zusammen, denkt nicht ans Aufgeben. Ihr Körper gewöhnt sich langsam an die Strapazen. In Hameln trennen sich die Wege der beiden Frauen, Cornelia geht nun allein weiter. Nach 7 Wochen und Besuchen bei Verwandten und Freunden lässt sie Deutschland hinter sich. Nun ist sie keine Wanderin mehr, nun ist sie Pilgerin. In Frankreich wird sie 1600 km auf dem Jakobsweg unterwegs sein, ehe sie am 6. September spanischen Boden betritt.

    Das Buch ist in schöner Sprache mit viel Wärme und feinem Humor geschrieben, es hat mich begeistert, gefesselt und fasziniert. Die Autorin beschreibt ihre herausfordernde und nicht immer ungefährliche Pilgerreise so spannend und lebhaft, dass ich oft das Gefühl hatte, dabei zu sein. Sie legt in gut 5 Monaten insgesamt 3348 Kilometer zurück, bei teils extremen Temperaturen, bei Regen und Wind. Manchmal hat sie nicht genügend Wasser, oft ist sie hungrig oder sucht verzweifelt einen Platz zum Schlafen. Immer wieder stößt sie an ihre physischen und psychischen Grenzen. Gespräche mit anderen Pilgern sowie das Treffen mit ihrem Sohn Frederic in Frankreich geben ihr Kraft.

    Auf ihrer Wanderung reflektiert Cornelia ihr Leben und lässt uns dabei tief in ihre Gedanken- und Gefühlswelt blicken. Offen schildert sie die Strapazen der Reise und berichtet von ihren Besichtigungen historischer Stätten und zahlreichen inspirierenden Begegnungen. Sie findet Unterkünfte in Pilgerherbergen, privaten Haushalten, Klöstern und kleinen Pensionen. Während ihrer Pilgerreise hat sie viel Zeit zum Nachdenken. Sie hat den Tod ihrer Schwester und den ihrer besten Freundin noch nicht verarbeitet, eine gescheiterte Liebesbeziehung belastet und beschäftigt sie immer noch. Außerdem will sie sich über ihre berufliche Zukunft klar werden. Sie hat viele Fragen, und im Laufe ihrer Reise findet sie Antworten.

    Ich habe Cornelias Mut und Ausdauer bewundert, mit denen sie die einzelnen Etappen und auftretende Probleme bewältigt hat. Als sie am 5. Oktober ihr Ziel erreicht und an der Kathedrale von Santiago de Compostela ankommt, habe ich mich mit ihr gefreut.

    In der Mitte der sehr schön und hochwertig gestalteten Paperbackausgabe finden wir auf 8 Seiten zahlreiche Farbfotos, die einige Stationen von Cornelias Pilgerreise dokumentieren. Die eingezeichneten Karten fand ich sehr hilfreich, sie ermöglichten es mir, die Route genau zu verfolgen. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass die Autorin im Altenberger Dom war und anschließend die Kirche meines Wohnviertels besichtigt hat, die nach einem Entwurf des bekannten Architekten Gottfried Böhm errichtet wurde.

    Es hat mir sehr viel Freude bereitet, Cornelia auf ihrer spannenden Wanderung zu begleiten, und ich kann mir vorstellen, dass ihr unterhaltsamer und interessanter Bericht viele Menschen dazu motivieren wird, den Jakobsweg zu gehen.

    Absolute Leseempfehlung für dieses großartige Buch einer starken Frau, die über Grenzen geht!
    Der kleine Rabe Socke: Alles wieder beste Freunde!

    Nele Moost
    Der kleine Rabe Socke: Alles wieder beste Freunde! (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    19.04.2026

    Liebevoll gestaltetes Comic über den kleinen Raben Socke und seine Freunde

    Die bekannte Kinderbuchautorin Nele Moost hat bereits mehrere Bücher über den kleinen Raben Socke geschrieben. Mit "Der kleine Rabe Socke - Alles wieder beste Freunde" hat sie nun das erste Comic mit dem pfiffigen Raben veröffentlicht.

    Socke freut sich über die vielen Schätze, die er auf dem Weg vom Baden nach Hause gefunden hat. Ein Hut, eine Tasche, ein Schirm und vieles mehr, alles nimmt er mit. Zuhause angekommen, braucht er Hilfe von seinen Freunden. Sie sollen ihn dabei unterstützen, die Fundstücke in sein Baumhaus zu schaffen. Wolle, Eddi-Bär, Frau Dachs, der kleine Dachs, Löffel, Eichhörnchen, Stulle, Wolf, Fuchs und Maulwurf eilen zu ihm und helfen ihm beim Ein- und Aufräumen. Anschließend machen sie sich ein bisschen lustig über Sockes Unordnung und Sammelfreude. Socke ärgert sich und gerät mit Löffel in Streit. Er überlegt, wie er den Hasen am besten ärgern kann ...

    Das wunderschön und sehr hochwertig gestaltete Kindercomic umfasst 64 Seiten und richtet sich an Kinder zwischen 5 und 10 Jahren. Für die Jüngsten ist es ein Vorlesebuch, Leseanfänger werden dazu motiviert, das Buch eigenständig zu lesen. Die Texte sind altersgerecht und gut verständlich. Eine Ausnahme stellte für mich allerdings das Wort "Dunkeltute" dar, hier musste mir das Internet weiterhelfen. Die zauberhaften und detailreichen Illustrationen von Annet Rudolph sind durchgehend farbenfroh und ergänzen Nele Moosts Texte ganz hervorragend.

    Viele Kinder kennen bereits den kleinen Raben Socke und haben ihn in ihr Herz geschlossen. Sie werden von der Comic-Version mit den vielen Sprechblasen begeistert sein. Die warmherzige Geschichte mit den Schwerpunkten Freundschaft, Streit und Versöhnung ist durch ihre große Schrift sehr gut lesbar, sie ist lustig und ernst, und sie wird den kleinen Lesern ganz bestimmt Lust auf neue Comicbände aus der Reihe machen!

    Absolute Vorlese- und Leseempfehlung für dieses unterhaltsame Kinderbuch!
    Wenn die Kraniche nach Süden ziehen

    Lisa Ridzén
    Wenn die Kraniche nach Süden ziehen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    16.04.2026

    Lebensnah und sensibel erzählt

    Die schwedische Autorin Lisa Ridzén wurde durch die Pflegetagebücher der Betreuer ihres Großvaters, die diese der Familie überlassen haben, zum Schreiben dieses wunderbaren Romans inspiriert. Ihr sensationelles Debüt erhielt zahlreiche Preise (u.a. Best Book of the Year und Swedish Bookseller Award) und wird in 38 Ländern veröffentlicht.
     
    Der Ich-Erzähler Bo ist 89 Jahre alt und lebt nach dem Umzug seiner demenzkranken Ehefrau Fredrika in ein Pflegeheim allein mit seinem Hund Sixten. Er hat gesundheitliche Probleme, das Gehen bereitet ihm Mühe, und er ist auf Unterstützung angewiesen. Mehrmals täglich kommen abwechselnd Ingrid und andere Mitarbeiter eines Pflegedienstes zu ihm. Sie helfen ihm bei der Körperpflege, halten sein Haus sauber, bereiten seine Mahlzeiten zu und reichen ihm die nötigen Medikamente, manche machen kleine Spaziergänge mit Sixten. Auch sein Sohn Hans kümmert sich regelmäßig um den Vater und sorgt dafür, dass sein Kühlschrank immer gut gefüllt ist. Bos Welt ist klein geworden, und er freut sich immer auf die Telefonate mit seinem alten Freund Ture.
    Nachdem Bo auf einem Waldspaziergang mit Sixten gestürzt ist und erst Stunden später desorientiert vom Pflegedienst aufgefunden wird, kommt es zu einer Konfliktsituation mit Hans, der sich um seinen Vater sorgt und erkennt, dass Bo nicht mehr in der Lage ist, sich ausreichend um seinen Hund zu kümmern.
     
    Das Buch ist in ganz wunderbarer Sprache, teilweise auch mit feinem Humor, geschrieben und liest sich sehr flüssig. Der Autorin ist es gelungen, die sympathischen Figuren mit sehr viel Liebe und Empathie zu zeichnen. Wir begleiten Bo über einen Zeitraum von fünf Monaten und blicken dabei tief in seine Gefühls- und Gedankenwelt. Wir sehen seinen immer beschwerlicher werdenden Alltag und die zunehmende Gebrechlichkeit, und wir erleben seine Trauer, seine Scham und seine Wut. Er ist davon überzeugt, fit genug zu sein, um für Sixten zu sorgen, doch die in die einzelnen Kapitel eingefügten Protokolle des Pflegedienstes sprechen eine andere Sprache. Sein Verhältnis zu Hans ist schwierig, beide haben nie gelernt, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. 
     
    Bos Tage sind lang, er macht sich viele Gedanken und lässt sein langes Leben Revue passieren. Er erinnert sich an das Aufwachsen in dem Haus, in dem er mit seiner liebevollen Mutter und dem unberechenbaren Vater lebte. Auch sein eigenes Familienleben ist Teil seiner Gedanken, er vermisst seine Frau Fredrika, mit der er über 60 Jahre zusammen war und die ihn schon so lange nicht mehr erkennt. Er denkt an seinen Sohn Hans, seine Enkelin Ellinor und an seine lange Freundschaft mit Ture. 

    Der Roman hat mich von der ersten Seite an gefesselt und tief berührt. Ich habe den einsamen Bo, der darunter leidet, immer mehr seine Selbständigkeit zu verlieren, sehr schnell in mein Herz geschlossen. Seinen Kummer und Zorn über Hans' Entscheidung, Sixten wegzugeben, konnte ich sehr gut nachvollziehen und habe mit ihm gelitten. Auf der anderen Seite hatte ich aber auch Verständnis für Hans, der sich um seinen Vater sorgt und ihn wegen der Sturzgefahr davon abzubringen versucht, in den Wald zu gehen.
     
    Lisa Ridzén hat mit "Wenn die Kraniche nach Süden ziehen" ein ganz wunderbares Buch nicht nur über das Altwerden und die damit verbundene Hilflosigkeit, sondern auch über Einsamkeit, Abschiede und das Schweigen in der Familie geschrieben und kommt dabei vollkommen ohne Sentimentalität und Kitsch aus. Die Geschichte ist realistisch und geht unter die Haut, sie macht nachdenklich und zeigt einmal mehr auf, wie wichtig es ist, den Menschen, die uns nahe stehen, zu sagen, dass wir sie lieben, ehe es zu spät ist.
     
    Absolute Leseempfehlung für dieses großartige Buch, zu dem das renommierte US-Magazin The New Yorker anmerkt: "Eines dieser Bücher, die dich zum Lachen und Weinen bringen und die du am liebsten allen schenken würdest, die du liebst"!
    Niemands Töchter

    Judith Hoersch
    Niemands Töchter (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    12.04.2026

    Vier Frauen - vier Leben

    In ihrem Debütroman "Niemands Töchter" erzählt die Schauspielerin Judith Hoersch, die einem breiten Fernseh- und Kinopublikum bekannt sein dürfte, die Lebensgeschichten von vier Frauen und legt dabei den Fokus auf die Verbindung zwischen Müttern und ihren Töchtern.

    Die Schlüsselfigur des Romans ist Marie, die eigentlich Marianne heißt und 1981 auf einem Berliner Trödelmarkt einen alten Mantel und eine Polaroidkamera kauft. Die Fotos, die sie mit der Kamera macht, werden im Buch noch eine wesentliche Rolle spielen. In einem Club lernt die junge Frau den gebildeten Leonard kennen und verliebt sich in ihn. Das Paar verbringt einige glückliche Wochen, ehe sich Marie von Leonard zurückzieht.

    Auf einer zweiten Erzählebene lernen wir im gleichen Jahr Gabriele kennen, die sich gerade von ihrem Ehemann Harald hat scheiden lassen. Ein Jahr zuvor war das ersehnte Wunschkind zur Welt gekommen und starb wenig später infolge eines Herzfehlers. Die Trauer um ihr Kind schweißte das Paar nicht zusammen, sie entzweite es.
    Die Erzählstränge um Alma und Isabell beginnen im Oktober 2019 und enden im März 2020.

    Die Geschichte, die in Berlin und der Eifel spielt, ist in klarer Sprache erzählt und liest sich sehr flüssig. Mit viel Empathie beschreibt die Autorin ihre Charaktere, deren Handlungen für mich allerdings nicht immer nachvollziehbar sind. Nach und nach enthüllt der Roman die Verbindungen, in denen Marie, Gabriele, Alma und Isabell zueinander stehen. Der innere Klappentext trägt zwar zum besseren Verständnis der Zusammenhänge bei, verrät aber m.E. schon etwas zu viel, so dass sich kein rechter Spannungsbogen aufbaut. Die einzelnen, teilweise sehr kurzen Kapitel werden aus der Perspektive der Protagonistinnen erzählt. Als Leser ist man gerade in die Lebenssituation einer der Frauen eingetaucht, da erfolgt schon der abrupte Wechsel zur nächsten. Es fiel mir daher schwer, eine richtige Verbindung zu ihnen aufzubauen. 

    Insgesamt entwickelt sich die Handlung durch die ständigen Zeitsprünge und Perspektivwechsel nur sehr langsam. Manches war vorhersehbar, und ich hätte mir mehr Wendungen gewünscht, die die Spannung des Buches erhöht hätten. Es gab berührende und traurige, aber leider auch recht unrealistische und kitschige Momente. Gut gefallen hat mir, wie die Autorin den damaligen Zeitgeist eingefangen hat, und ich mochte auch die Dialoge im rheinischen Dialekt.

    Trotz meiner Kritikpunkte habe ich die Geschichte, die sich über vier Jahrzehnte zieht und bei der es neben dem zentralen Thema Mutterschaft auch um Verluste, die Suche nach der Wahrheit und das Finden von Antworten geht, gern gelesen. 
    Schlaf

    Honor Jones
    Schlaf (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    08.04.2026

    Bewegender Roman mit Tiefgang

    In ihrem Debütroman "Schlaf" beschreibt die amerikanische Autorin Honor Jones eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung und die Auswirkungen eines erlittenen Kindheitstraumas auf das Muttersein als Erwachsene.

    Zu Beginn des Buches lernen wir Margaret als Zehnjährige kennen, die mit ihrer besten Freundin Biddy und den drei Brüdern der beiden im Garten Verstecken spielt. Die Beziehung zu ihrer Mutter Elizabeth ist schwierig, da diese wenig Empathie zeigt und von Kontrollzwängen beherrscht wird. Als Margaret ihr von einer in der Dusche installierten Videokamera berichtet, zeigt Elizabeth wenig Interesse an einer Aufklärung. In diesem Sommer kommt Margarets drei Jahre älterer Bruder Neal mehrmals nachts in ihr Zimmer und fasst sie an, während sie schläft. Das Mädchen versucht, sich der Mutter anzuvertrauen, doch Elizabeth macht ihr klar, dass sie nicht mit ihr über die Ereignisse sprechen möchte. 

    Auf einer zweiten Erzählebene begegnen wir der mittlerweile 35-jährigen Redakteurin Margaret. Nach 12 Jahren Ehe ist sie von Ezra geschieden und bewohnt nun mit den gemeinsamen Töchtern Helen und Josephine eine kleine Wohnung in New York. Sie hält Abstand zu ihrer Mutter und gibt nur widerwillig nach, als Jo sich eine Poolparty bei den Großeltern wünscht. Wenig später erkrankt Elizabeth schwer ....

    Die Geschichte, die sich zwischen Gegenwart und Vergangenheit bewegt, ist in kluger Sprache erzählt und liest sich sehr flüssig. Die Charaktere sind authentisch dargestellt, ganz besonders die durch die traumatischen Erlebnisse ihrer Kindheit geprägte Margaret, die ihren Kindern gegenüber eine überfürsorgliche Mutter ist. Sie sorgt sich um die beiden, möchte sie behüten und beschützen und gerät leicht in Panik, wenn sie sie kurzzeitig aus den Augen verliert. Es schockiert sie, dass die Kinder ihren Onkel Neal mögen, und es verstört sie, als sie bemerkt, dass der Körper von Helen langsam beginnt, sich minimal zu verändern.  

    Der Roman, dessen Schwerpunkt das Thema Mutterschaft darstellt, hat mir bis zum stimmigen Ende sehr gut gefallen, er hat mich erschüttert und berührt. Meine Lieblingsfigur war Margaret, die ihre Mutter liebte, obwohl sie früh spürte, dass diese Neal mehr Liebe entgegenbrachte als ihr, kontrollierend und grausam war - und sie in wichtigen Momenten ihres Lebens im Stich gelassen hatte. 

    Absolute Leseempfehlung für diesen bewegenden Roman!
    Sie wollen uns erzählen

    Birgit Birnbacher
    Sie wollen uns erzählen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    29.03.2026

    Intensiver und berührender Roman über ein wichtiges Thema

    In ihrem aktuellen Buch "Sie wollen uns erzählen" widmet sich die österreichische Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher dem wichtigen Thema Neurodivergenz.

    Oswald, genannt Oz oder Ozzy, ist 9 Jahre alt und geht in die dritte Klasse. Er ist ein besonderes Kind, denn er hat ADHS. Ozzy mag nicht spielen wie andere Kinder, er ist einfühlsam und hat ein gutes Gespür für andere Menschen. Der Junge ist klug und weiß sich gut auszudrücken. Seine Mutter Ann ist Sozialwissenschaftlerin, sie ist aufbrausend und geht in ein Impulskontrolltraining. Sein Vater Christian, überfordert von der familiären Situation, lebt und arbeitet inzwischen in Wien.
    Am letzten Schultag vor den Sommerferien bringt Ozzy einen Brief von der Schule mit nach Hause und überlegt, wie er seiner Mutter am besten beichten kann, was in der Schule Schreckliches passiert ist. Doch dazu kommt es nicht, denn Ann erhält einen Anruf aus dem Krankenhaus, weil ihre Mutter Zäzilia kurz vor einer Operation spurlos verschwunden ist. Besorgt macht sich Ann mit Oz auf den Weg, um sie zu suchen .....

    Die Geschichte ist abwechselnd aus Sicht der beiden Protagonisten in ganz wunderbarer und klarer Sprache mit feinem Humor erzählt, die Charaktere sind sehr realistisch gezeichnet. Ich musste mich zunächst ein wenig an den eigenwilligen Schreibstil der Autorin gewöhnen, sie springt zwischen Anns und Ozzys Gedanken und Handlungen hin und her, doch genau diese besondere Erzählweise ist es, die uns die Figuren ganz nahe bringt.

    Ann liebt ihren Jungen über alles, die beiden haben ein enges Verhältnis zueinander. Auch Ann wurde schon als Kind als eigenartig und wild wahrgenommen, hat aber im Gegensatz zu Ozzy ohne die Diagnose ADHS ein normales Leben führen können. Sie weiß, dass Ozzy ähnlich denkt und fühlt wie sie, seine Gedanken oft abschweifen und er in Tagträumen versinkt. Ich mochte Ann, die für ihren Jungen kämpft, ihn beschützen möchte und nicht zulässt, dass er wegen seines Andersseins medikamentös behandelt wird. Am intensivsten und berührendsten fand ich den Abschnitt, als Ozzy allein unterwegs ist. Ann schafft es kaum, sich selbst zu beruhigen, sie will ihr Kind nicht ängstigen und wächst dabei über sich selbst hinaus. Den kleinen Ozzy, der weiß, dass er anders ist als andere Kinder und immer darum bemüht ist, sich so zu verhalten, dass seine Mutter sich nicht aufregt, habe ich sofort in mein Herz geschlossen. Seine Schilderung des Vorfalls mit dem Hasen am Ende des Buches fand ich herzzerreißend.

    Der Autorin ist mit "Sie wollen uns erzählen" ein ganz wunderbares Buch gelungen, das Verständnis für Menschen mit ADHS weckt und uns mit viel Empathie vermittelt, wie sie denken und empfinden, und wie schwer und herausfordernd der Alltag für sie sein kann. Ich habe die fesselnde Geschichte, in der es neben dem zentralen Thema Neurodivergenz auch um eine unzuverlässige Schwester und Anns Mutter geht, die an Demenz erkrankt ist, sehr gern gelesen, sie hat mich beeindruckt und tief berührt.

    Absolute Leseempfehlung für diesen großartigen Roman!
    Einatmen. Ausatmen.

    Maxim Leo
    Einatmen. Ausatmen. (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    25.03.2026

    Humorvoll und unrealistisch

    In seinem aktuellen Buch "Einatmen. Ausatmen." erzählt Maxim Leo die Geschichte der 39-jährigen Managerin Marlene Buchholz, die von ihrem Vorgesetzten zu einem Achtsamkeitsseminar geschickt wird.

    Marlene wird von ihrem Chef, dem Aviola-Vorstandsvorsitzenden Dr. Finckenstein, in sein Büro gebeten. Er lobt ihre fachliche Kompetenz und eröffnet ihr, dass sie mit seinem Renteneintritt seine Nachfolgerin werden soll. Allerdings gibt es da noch das Problem, dass ihre Kollegen sie als unempathisch beschreiben und sich von ihr unter Druck gesetzt fühlen. Sie lobe zu wenig, es herrsche ein Klima der Kälte und Angst. Das soll sich nun ändern, denn Dr. Finckenstein hat sie bei dem Unternehmenscoach Alex Grow zu einem Achtsamkeitstraining angemeldet. Lustlos packt Marlene ihre Reisetasche, um gemeinsam mit 10 weiteren Teilnehmern das Programm in einem Brandenburger Schloss zu absolvieren. Wie erwartet fühlt sie sich nicht wohl in der Gruppe, möchte alles nur schnell hinter sich bringen ...

    Das unterhaltsame Buch ist mit viel Humor erzählt und liest sich sehr flüssig. Wir lernen die erfrischend ehrliche und sehr direkte Karrierefrau Marlene kennen, die ein zurückgezogenes Leben führt. Sie lebt in einem möblierten Appartement, ihr Lebensinhalt besteht aus ihrer Arbeit, die für sie an erster Stelle steht.

    Auf einer zweiten Erzählebene steht Alex im Vordergrund, der seine Academy vor über 20 Jahren gegründet hat und 170 Angestellte beschäftigt. Es geht ihm gerade nicht gut, er leidet unter Panikattacken und hat Schlafstörungen. Seine Firma ist in finanzielle Schieflage geraten, sein letzter Strohhalm ist ein in Aussicht gestellter fester Vertrag mit Aviola, wenn es ihm gelingt, aus Marlene einen anderen, einen empathischen Menschen zu machen.

    Das erste Drittel des Buches hat mir sehr gut gefallen. Marlene und Alex sind herrlich klischeehaft und überspitzt dargestellt, es gibt viele lustige Situationen. Mit dem zweiten Drittel tritt der Humor deutlich in den Hintergrund, es wird ernster, und die Handlung wird leider zunehmend unrealistisch. So taucht eine von der Polizei gesuchte rebellische 13-jährige Baumretterin auf und wird von Alex versteckt, es gibt eine Tierbefreiungsaktion, und Marlene vollzieht innerhalb kurzer Zeit eine 180 Grad-Wende. Es gibt auch einen sehr berührenden Moment, als es ihr gelingt, sich in ihrer Gruppe in einer Aufstellübung zu öffnen und dabei erlittene Traumata ihrer Mutter und Großmutter zu erkennen und einzuordnen.

    Auch wenn sich das Ende glücklicherweise fast kitschfrei gestaltete, konnte mich die Handlung insgesamt nur teilweise überzeugen. Ich mag ernste Töne, auch in humorvollen Büchern, aber ich mag es nicht, wenn eine Handlung zu sehr ins Unrealistische abdriftet. In meinen Augen ist dies leider bei "Einatmen. Ausatmen." der Fall. 
    Die beste aller Beziehungen

    Gun-Britt Sundström
    Die beste aller Beziehungen (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    21.03.2026

    Intelligenter Beziehungsroman

    Die schwedische Autorin und Literaturkritikerin Gun-Britt Sundström wurde mit ihrem Roman "Maken" bereits 1976 bekannt, die deutsche Übersetzung wurde 1978 unter dem Titel "Die andere Hälfte. Ein Verhältnis-Roman" veröffentlicht. Nun wurde das Buch, nach genau 50 Jahren, von Nina Hoyer neu ins Deutsche übersetzt und unter dem Titel "Die beste aller Beziehungen" vom Insel Verlag veröffentlicht.

    Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Martina und Gustav, die sich im Stockholm der siebziger Jahre kennenlernen und ineinander verlieben. Beide sind um die 20, Martina studiert Anglistik, Gustav Philosophie. Anfangs scheint alles perfekt, sie sind gern zusammen, sprechen dieselbe Sprache und interessieren sich für Politik und Literatur. Gustav möchte mit Martina zusammenziehen und heiraten, während die junge Frau ihre Freiheit schätzt und nicht ständig mit ihrem Freund zusammen sein möchte. Gustavs Wunsch nach häufigen Intimitäten vermag sie nicht zu teilen, und so bleibt es nicht aus, dass Gustav ihr untreu wird.

    Das Buch ist in der Ich-Form aus Martinas Sicht in intelligenter Sprache mit viel Humor erzählt und liest sich sehr flüssig. Auf 639 Seiten lernen wir das junge Paar über einen Zeitraum von etwa 7 Jahren intensiv kennen. Früh ist ersichtlich, dass Gustav für Martina tiefere Gefühle hegt als umgekehrt. Sie fühlt sich von ihm bedrängt, die Lösung scheint in einer offenen Beziehung zu legen. Trotz der einander gewährten Freiheiten sind beide eifersüchtig, und es kommt wiederholt zu Trennungen, die sie als "Scheidungen" bezeichnen. Immer wieder versöhnen sie sich und finden wieder zueinander.

    Der Roman hat mir sehr gut gefallen, er spiegelt zwar den Zeitgeist der siebziger Jahre, dennoch sind seine zentralen Themen Liebe und Freiheit heute so aktuell wie vor 50 Jahren. Die Figuren sind authentisch gezeichnet, die Autorin lässt uns tief in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonisten blicken, die eine turbulente Beziehung mit Höhen und Tiefen führen. Ich mochte Martina und Gustav und konnte ihre Schwierigkeiten sehr gut nachvollziehen, fand jedoch die ständigen, sich wiederholenden Diskussionen über ihre komplizierte Beziehung  - besonders im Mittelteil des Buches - etwas ermüdend.

    Leseempfehlung für diesen zeitlosen Roman, der mich bis zu seinem für mich sehr stimmigen Ende gut unterhalten hat!
    Das Tränenhaus. Roman

    Gabriele Reuter
    Das Tränenhaus. Roman (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    19.03.2026

    Berührender feministischer Roman

    Seit 2024 legt der Reclam Verlag in seiner Reihe "Reclams Klassikerinnen" Werke bedeutender und oft vergessener Autorinnen neu auf. Diese überarbeiteten Neuauflagen sind auch optisch so schön und modern gestaltet, dass sie in jeder Buchhandlung Beachtung finden und mancher Leser sich beim Lesen des Klappentextes wundert, dass es sich um wiederentdeckte Werke handelt.

    Gabriele Reuter war bekannt als Autorin realistischer und sozialkritischer Romane, ihr größter Erfolg war das 1895 erschienene Buch "Aus guter Familie". 1908 veröffentlichte sie ihren Roman "Das Tränenhaus", in dem sie die damalige Doppelmoral in der Gesellschaft beschrieb und damit einen Skandal auslöste.

    Im Mittelpunkt der Geschichte steht die junge Autorin Cornelie Reimann, die ledig ist und ein Kind erwartet. Sie ist von zuhause geflohen und hat sich ein Zimmer in einem einfachen Wirtshaus genommen, um dort in Ruhe ihr Buch fertigzustellen. Die Tantiemen sollen die Versorgung ihres Kindes sicherstellen, da sie damit rechnet, die Geburt nicht zu überleben. Bald zieht sie in ein Frauenheim um, das von Frau Uffenbacher, einer resoluten Hebamme, geführt wird. Sie bietet ledigen Frauen einen Zufluchtsort, um ihre unehelichen Kinder fernab von ihren Familien zur Welt zu bringen. Cornelie zieht sich zu Beginn ihres Aufenthaltes auf ihr Zimmer zurück. Als sie erkennt, dass die übrigen Bewohnerinnen des Geburtshauses von Frau Uffenbacher schlecht behandelt werden, ergreift sie Partei für die Frauen und schließt Freundschaft mit ihnen.

    Die Autorin erzählt die berührende Geschichte, in der es um ungewollte Mutterschaft und die harten Lebensbedingungen der betroffenen Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts geht, in der Sprache der damaligen Zeit. Viele Dialoge sind im schwäbischen Dialekt verfasst, was meinen Lesefluss anfangs etwas bremste. Die Charakterzeichnung ist Gabriele Reuter hervorragend gelungen, ich konnte mich gut in die einzelnen Frauen hineinversetzen, die in ihrer Not und aus Angst vor der Schande Zuflucht in der Anonymität eines Geburtshauses suchten. Es war spannend, Cornelies Entwicklung und die ihrer Mitbewohnerinnen zu verfolgen, und ich habe mich darüber gefreut, dass die ungleichen Frauen ein Gemeinschaftsgefühl entwickelten und sich gegen die Schikanen der Hebamme auflehnten.

    Ebenso lesenswert wie der Roman ist auch das 12-seitige Nachwort der Literaturwissenschaftlerin Annette Seemann, in dem sie viel Wissenswertes über die Autorin, die ihre eigenen Erfahrungen in ihr Buch hat einfließen lassen, erzählt. Sehr interessant fand ich auch die Zeittafel am Ende des Buches, die Gabriele Reuters Lebensstationen aufzeigt.

    Leseempfehlung für dieses mutige Buch!
    The Journey. Die Reise meines Lebens

    Carina Amara Kruse
    The Journey. Die Reise meines Lebens (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    15.03.2026

    Reise in ein neues Leben

    In "The Journey - Die Reise meines Lebens" erzählt die Autorin Carina Amara Kruse, die auch als Transformationscoach tätig ist, von einer Reise, die ihr Leben veränderte.

    Die 28-jährige Carina befindet sich an einem Wendepunkt. Nach zehn Jahren Beziehung wurde sie von ihrem Freund Daniel verlassen, sie verlor ihren Job, und ihr Buchprojekt wurde gecancelt. Nun hat sie ihre Wohnung untervermietet und wird für 13 Monate unterwegs sein, ehe sie ihren Traumjob in Neuseeland antritt. In dieser Zeit wird sie ihre Vergangenheit reflektieren, und sie möchte herausfinden, wer sie eigentlich ist. Nur mit zwei Rucksäcken als Gepäck betritt sie in Berlin das Flugzeug, das sie nach einem Zwischenstopp in Bangkok nach Bali bringen wird. Es ist das erste Mal, dass sie allein unterwegs ist, und sie genießt das neu gewonnene Gefühl von Freiheit.

    Auf Bali macht Carina Yoga und meditiert, schließt Freundschaften und sucht einen Astrologen auf, der verblüffende Aussagen zu ihrer persönlichen Situation, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft trifft. In einem Abschiedsritual schreibt sie einen Brief an Daniel, sie vergibt und dankt ihm - und gibt ihn frei. Sie verbringt zehn anstrengende Tage mit Schweigen und Meditieren in einem Meditationszentrum, ehe sie nach 4 Monaten Aufenthalt weiterreist nach Indien zu Joaquim, den sie auf dem Flughafen in Stockholm kennengelernt hat. Der Plan ist, ihn für die Dauer eines Monats bei seinem Slum School Projekt zu unterstützen ...

    Das Buch ist in schlichter Sprache geschrieben und liest sich sehr flüssig. Im Laufe der Handlung lernen wir Carina immer besser kennen und blicken dabei tief in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Wir begleiten sie auf ihrer abenteuerlichen Reise mit all ihren Herausforderungen und Gefahren. Sie lernt viel über Spiritualität und Glauben, hat interessante und bereichernde Begegnungen, und auch die Liebe klopft bald wieder an ihre Tür.

    Ich habe den Mut der Autorin bewundert, alle Zelte hinter sich abzubrechen, um einen neuen Weg zu gehen, nicht wissend, wohin er sie führen wird. Sehr interessant fand ich neben der Schilderung der Rituale in Bali und Indien die Beschreibung einer balinesischen Hochzeit und des Lebens inmitten einer Großfamilie, die traditionell den höchsten Stellenwert einnimmt.

    Das Buch war für mich eine größtenteils interessante und kurzweilige Lektüre, in deren Epilog wir erfahren, wie es mit Carina und Arun weitergegangen ist. Leider weist der Klappentext nicht darauf hin, dass die esoterischen Inhalte der Geschichte sehr viel Raum einnehmen. Für mich war es eindeutig zu viel, ich hätte lieber mehr über das Leben und die Bräuche der balinesischen und indischen Bevölkerung erfahren.
    Alle glücklich

    Kira Mohn
    Alle glücklich (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    15.03.2026

    Intensive und fesselnde Familiengeschichte

    Im Mittelpunkt von Kira Mohns neuem Roman "Alle glücklich" steht die Familie Holtstein, eine ganz normale und anscheinend glückliche Familie. Die Mutter Nina arbeitet vormittags in einer Hausarztpraxis, ihr Ehemann Alexander ist Oberarzt in einem Krankenhaus. Die gemeinsame Tochter Emilia ist 16 Jahre alt und verliebt in ihren Freund Julian. Ihr drei Jahre älterer Bruder Ben studiert, beschäftigt sich aber viel lieber mit Computerspielen.

    Eigentlich scheinen alle glücklich zu sein, doch die Fassade bröckelt. Nina, die ihr Medizinstudium der Familie zuliebe aufgegeben hatte, sitzt ohne Wissen ihres Mannes nachmittags an der Supermarktkasse, um sich etwas Geld für ihre persönlichen Bedürfnisse dazuzuverdienen. Alexander opfert sich für seine Patienten auf und fühlt sich innerhalb der Familie nicht wertgeschätzt, obwohl er doch alles für sie tut. Ben ist nicht zufrieden mit seiner Studienwahl und leidet darunter, keine Freundin zu haben, während Emilia sich zusehends in ihrer Beziehung verliert.

    Die Geschichte ist in schöner Sprache mitreißend erzählt und liest sich sehr flüssig. Gekonnt und mit viel Feingefühl zeichnet die Autorin das Bild einer Familie, in der nach und nach unausgesprochene Konflikte und Spannungen zutage treten, Sehnsüchte sichtbar werden. Die Protagonisten sind authentisch dargestellt, sie alle haben ihre eigenen Probleme und Geheimnisse. Ich mochte die Familie, auch wenn ich die Handlungsweisen der einzelnen Personen nicht immer nachvollziehen konnte. Am meisten überrascht haben mich Ninas persönliche Entwicklung und ihre Entscheidung am Ende des Buchs. Sehr berührend fand ich die innige und vertrauensvolle Beziehung zwischen Ben und seiner Schwester.

    Die Kapitel sind abwechselnd aus Sicht der einzelnen Personen geschrieben. Diese Erzählweise hat mir sehr gut gefallen, weil nicht nur einige Ereignisse durch verschiedene Sichtweisen unterschiedlich dargestellt wurden, sondern ich darüber hinaus die Protagonisten immer besser kennenlernte und tief in ihre Gedanken- und Gefühlswelt blicken konnte.

    "Alle Glücklich" hat mich von Beginn an in seinen Bann gezogen. Das Buch ist nicht nur ein fesselnder und berührender Familienroman, es ist auch eine Geschichte über Schweigen, Entfremdung und Überforderung, die mich noch lange beschäftigen wird.

    Absolute Leseempfehlung!
    Gelbe Monster

    Clara Leinemann
    Gelbe Monster (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    11.03.2026

    Beeindruckendes und packendes Debüt über ein wichtiges Thema

    Im Mittelpunkt von Clara Leinemanns Debütroman "Gelbe Monster" steht die junge Mathematikstudentin Charlotte, genannt Charlie, die gerade an ihrer Doktorarbeit schreibt und bei ihrer Freundin Ella aus Kindheitstagen wohnt. Sie ist in ihrer Beziehung gewalttätig geworden und wird an einem Antiaggressionsprogramm teilnehmen. Mit Unterstützung von Psychologen wird sie sich in 25 Sitzungen gemeinsam mit anderen Frauen über Gewalt, Konfliktverhalten, Macht und Kontrolle austauschen.

    Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Während wir Charlie im Hier und Jetzt in ihrem Alltag und bei den Therapiesitzungen begleiten, blättert sich im zweiten Erzählstrang ihre Vergangenheit langsam auf.
    Charlie schmiedet Zukunftspläne, als sie den attraktiven Literaturstudenten Valentin kennenlernt und sich in ihn verliebt. Doch der versprochene Anruf des jungen Mannes bleibt aus, erst ein Jahr später begegnen sie sich auf einer Vernissage wieder, treffen sich von nun an häufiger und werden schließlich ein Paar. Charlies Wunsch ist es, Valentin eine gute Freundin zu sein, und sie erkennt dabei nicht, dass er in ihrer Beziehung nicht glücklich ist ...

    Das Buch ist in klarer Sprache geschrieben und liest sich sehr flüssig. Der Autorin ist es gelungen, nicht nur die beiden Hauptcharaktere, sondern auch die Nebenfiguren sehr authentisch zu zeichnen. Ich hatte Mitgefühl für die unsichere Charlie, die uns tief in ihre Gefühls- und Gedankenwelt blicken lässt. Sie besitzt ein nur geringes Selbstwertgefühl, findet sich faul und hässlich und ist gleichzeitig gefangen in ihrem Zorn. Seit ihrer Pubertät versucht sie immer wieder, ein besserer Mensch zu werden. Mit Valentin an ihrer Seite fühlt sie sich endlich wie ein besserer Mensch, möchte nur bei ihm sein, alles andere wird zur Nebensache. Sie lehnt seinetwegen sogar eine Stelle in einer Forschungsgruppe in Madrid ab.

    Sehr gut gefallen hat mir die Beschreibung der Gruppenarbeit und Gespräche innerhalb des Antiaggressionsprogramms. Hier werden unterschiedliche Frauenschicksale und verschiedene Facetten von Gewalt in Beziehungen intensiv beschrieben.
    Die mitreißende Geschichte, in der es neben Liebe und weiblicher Gewalt auch um emotionale Abhängigkeit geht, ist mir unter die Haut gegangen und wird mich noch länger beschäftigen.

    Absolute Leseempfehlung für dieses großartige Debüt!
    Letzter Akt

    Andreas Schäfer
    Letzter Akt (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    10.03.2026

    Beeindruckender Roman mit Tiefgang

    In seinem neuen Roman "Letzter Akt", der im Dumont Verlag erschienen ist, erzählt Andreas Schäfer die Geschichte der Schauspielerin Dora Martin. Die 41-Jährige, die eigentlich Dorothea heißt und in Frankfurt aufgewachsen ist, ist unmittelbar nach ihrem Abitur nach London gezogen. Nachdem sie dort viele Jahre in Filmen und Fernsehproduktionen erfolgreich war, steht sie nun wieder auf einer Theaterbühne. Bei der Premierenfeier in einer Bar lernt sie den schottischen, in der Kunstszene unbekannten Maler Victor Hastings kennen, der anscheinend noch nie etwas von ihr gehört hat. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen und werden ein Paar. Sie treffen sich heimlich, fernab der Öffentlichkeit, in Victors Wohnung. Victor kommt nie ins Theater, um sie auf der Bühne zu sehen, er ist damit beschäftigt, seine Ausstellung vorzubereiten. Bald bittet Dora ihren Freund, sie zu malen. Als sie das fertige Bild sieht, ist sie fassungslos ....

    Das Buch ist in drei Teile gegliedert, der erste und umfangreichste Teil spielt 2005 in London, im zweiten Teil springt die Handlung ins Jahr 1982, und wir lernen die junge Dorothea und ihre Freundin Vera kennen. Die beiden spielen mit Begeisterung in der Theatergruppe ihrer Schule. Der letzte, nur wenige Seiten umfassende Teil, spielt im Jahr 2010 in Schottland und erzählt, wie es mit Dora und Victor weitergegangen ist.

    Die fesselnde Geschichte hat mir sehr gut gefallen, ich mochte den ruhigen Erzählstil und die schöne Sprache. Die Charaktere sind authentisch und liebevoll gezeichnet. Ich mochte die ehrgeizige Dora und habe ihren Mut bewundert, in so jungen Jahren nach London zu gehen. Dort konnte sie sich vollkommen neu erfinden und ihre Träume verwirklichen. Es war spannend, hinter die Kulissen eines Theaters zu blicken und in die Welt der Kunst einzutauchen.
    Der zweite Teil des Buches, der 1982 spielt und in dem es um die Schülerinnen Dorothea und Vera geht, hat mich besonders berührt. Ich konnte sehr gut nachempfinden, in welcher Konfliktsituation Dorothea sich damals befand. Sie brannte für ihr Lebensziel und musste die Weichen für ihre Zukunft stellen.
    Der dritte Teil des Buches stellte für mich einen gelungenen und stimmigen Abschluss dar.

    Absolute Leseempfehlung für diesen beeindruckenden Roman, in dem es nicht nur um das Leben und die Kunst, sondern auch um eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung und die Bewältigung einer verdrängten Vergangenheit geht.
    Mathilde und Marie

    Torsten Woywod
    Mathilde und Marie (Buch)

    2 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    09.03.2026

    Wohlfühlroman mit Schwächen

    Ich habe mich sehr gefreut, als ich gesehen habe, dass Torsten Woywod sein erstes Buch geschrieben hat. Er hat vor einigen Jahren gemeinsam mit seiner Freundin eigens einen Verlag gegründet, um in Deutschland "Leonard und Paul" von Rónán Hession veröffentlichen zu können. Das Buch hat mich gefesselt, es hat mich fasziniert und berührt, und es gehört zu meinen Lieblingsbüchern der letzten Jahre. Nun war ich natürlich sehr gespannt, ob Torsten Woywod mich mit "Mathilde und Marie" auch zu begeistern vermochte. Meine Erwartungen an seinen Roman waren sehr hoch, doch leider wurde ich enttäuscht.

    Die 26-jährige Studentin Marie Ledoux aus Paris beschließt nach einem Schicksalsschlag, ein Zugticket nach Brüssel zu lösen und von dort aus weiter in die Provinz zu fahren. Im Zug lernt sie die Buchhändlerin Jónína kennen, die sie spontan einlädt, mit ihr in ihr Dorf Redu zu kommen, wo die 77-Jährige eine kleine Buchhandlung hat. Der kleine und ruhig gelegene Ort in den Ardennen hat 390 Bewohner, 13 Buchhandlungen und einige Geschäfte. Das Dorf verfügt über einen Fernseher und einen Internetanschluss, Internetempfang gibt es nur zwischen 19 und 20 Uhr, und es gibt so gut wie kein Mobilfunknetz. Marie fühlt sich sofort wohl in dem von wunderschöner Natur umgebenen Ort. Sie hilft Jónína in der Buchhandlung, erobert das Herz des Dorfhunds Anneliese und lernt bald die verwitwete Mathilde kennen, die ihr anfangs mit mürrischer Zurückhaltung begegnet.

    Die Geschichte ist in ruhiger, blumiger Sprache erzählt und liest sich flüssig. Es handelt sich um einen sogenannten Wohlfühlroman, der ohne nennenswerte Konflikte und Reibereien auskommt. Die Protagonisten sind mit viel Empathie beschrieben und haben kaum Ecken und Kanten. Alle gehen liebevoll und rücksichtsvoll miteinander um, haben viel Verständnis füreinander. Ich mochte den entschleunigenden Ort Redu, in dem Bücher und das Lesen eine große Rolle spielen, und ich freute mich über die Lesetipps, wie z.B. für das beeindruckende Buch "Stoner". Mit Redus Bewohnern dagegen hatte ich meine Schwierigkeiten, sie waren mir zu weltfremd, und es wurde mir schnell zu viel mit der übertriebenen Höflichkeit, der Harmonie und heilen Welt.

    Die Handlung empfand ich als märchenhaft und teilweise vorhersehbar, die Dialoge fand ich häufig gekünstelt und nicht lebensnah. "Innewohnen" scheint ein Lieblingswort des Autors zu sein, und die häufige Formulierung "liebe Sowieso" in der Anrede nervte mich zusehends. Als es "schüchtern dämmerte", hätte ich das Buch fast zugeklappt. Gut gefallen haben mir die interessanten Naturbeschreibungen und die Erklärungen über die Vogelwelt, obwohl es hier einige Wiederholungen gab.

    Die Grundidee des Buches, in dem es um Achtsamkeit, Entschleunigung und Freundschaft geht, hatte mir gefallen, die Umsetzung hingegen konnte mich leider nicht überzeugen. 
    Immergrün

    Ruth Olshan
    Immergrün (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    02.03.2026

    Verlorene Heimat

    In ihrem Roman "Immergrün", der im Pfaueninsel Verlag erschienen ist, erzählt die Regisseurin und Autorin Ruth Olshan die Geschichte ihrer Familie.

    Einige Jahre nach dem Tod ihrer Mutter Vida begibt sich die Ich-Erzählerin Ruth mit ihrem Auto auf die lange Reise nach Litauen, um dort die Urnen der Mutter und der Großmutter beizusetzen. Es ist ihr wichtig, den Wunsch der Verstorbenen zu erfüllen und ihnen damit ihre Liebe zu beweisen. Endlich in Litauen angekommen, wird es für sie zur Herausforderung, den Ort des Familiengrabs ausfindig zu machen.

    Auf einer zweiten Erzählebene schildert Ruth die Vergangenheit ihrer Eltern und erinnert sich an ihre eigene Kindheit und das Zusammenleben mit den Eltern in Israel und Westberlin.

    Vida wird 1939 in Litauen als Tochter eines Opernsängers geboren, der als KZ-Überlebender gezeichnet ist von seinen Verletzungen und sich das Leben nimmt, als seine Tochter 12 Jahre alt ist. Das Mädchen hat das Talent des Vaters geerbt und nimmt heimlich Gesangsunterricht, ehe es am Konservatorium Gesang und Chordirigieren studiert. Vida singt im Chor und lernt in Moskau nach einem Konzert den jüdischen Regisseur Israel aus der Ukraine kennen und lieben. Ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter Ruth emigriert die kleine Familie 1970 nach Israel, von dort aus geht es vier Jahre später nach Deutschland. In Westberlin lebt die Familie von Sozialhilfe, das Geld ist knapp, es kommt zu Spannungen und lautstarken Auseinandersetzungen zwischen Vida und Israel. Während die kleine Ruth sich in Berlin schnell einlebt, bald nur noch Deutsch spricht und gern zur Schule geht, tun ihre Eltern sich schwer in der neuen Umgebung. Vida träumt davon, wieder als Sängerin aufzutreten und lässt sich erst auf Druck des Arbeitsamtes zur Altenpflegerin umschulen.



    Die Geschichte ist in klarer Sprache ohne Pathos erzählt und liest sich sehr flüssig, die Kapitel über Ruths Reise nach Litauen und ihre Erinnerungen wechseln sich ab. Die Familiengeschichte hat mich gefesselt, sie hat mich berührt und erschüttert. Ruth erhebt keine Vorwürfe, keine Schuldzuweisungen. Manches ist fast nüchtern erzählt, und doch sind ihre Ausführungen sehr bewegend. Ich fand es sehr traurig, dass Vida immer mehr in ihrer Depression und in ihren Psychosen versank, während Ruth verzweifelt versuchte, den Alltag zu bewältigen. Sie übernahm die Verantwortung für ihre Mutter und war damit vollkommen überfordert. Ständig versuchte sie, Ordnung in das häusliche Chaos zu bringen und den Behörden ein intaktes Familienleben vorzuspielen.

    Leider endet die Handlung im Jahr 1995 nach einem Besuch von Vida und Ruth bei der Großmutter und lässt mich mit vielen Fragen zurück. Vielleicht mag die Autorin in einer Fortsetzung erzählen, wie es mit Vida und Ruth weitergegangen ist. Wenn man bei YouTube den Namen Vida Vaitkuté eingibt, kann man sich mehrere Lieder von Ruths Mutter anhören - eine schöne Ergänzung zum Roman, wie ich finde.

    Leseempfehlung für Ruth Olshans sehr persönliche Geschichte, in der es neben ihrer schwierigen Kindheit und Jugend auch um Entwurzelung, Sprachbarrieren und Neuanfang geht.
    Alma

    Federica Manzon
    Alma (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    02.03.2026

    Anstrengende Lektüre

    "Alma" ist zwar bereits der fünfte Roman der italienischen Autorin und Verlegerin Federica Manzon, aber ihr erstes Buch, das aufgrund seines großen Erfolgs im Jahr 2024 nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.  

    Im Mittelpunkt der Geschichte steht die 53-jährige Journalistin Alma, die nach Jahrzehnten der Abwesenheit in ihre Heimatstadt Triest zurückgekehrt ist, um das Erbe ihres verstorbenen Vaters von Vili, ihrer Jugendliebe, in Empfang zu nehmen. Während der drei Tage, die sie in der Stadt verbringt, erinnert sie sich an die ereignisreichen Jahre ihrer Kindheit und Jugend. 

    Almas Mutter hatte die Universität kurz vor dem Abschluss verlassen, um gegen den Willen ihrer italienischen Eltern Almas Vater, einen Slawen, zu heiraten. Anfangs lebt die kleine Familie im Haus der Großeltern, wo Alma wunderbare Jahre verlebt. Sie fühlt sich wohl bei den Großeltern, sie sind wichtige Bezugspersonen für sie, ehe die Eltern mit ihr fortziehen in das Haus auf dem Karst. Almas Vater ist als Redenschreiber für Marschall Tito tätig und verschwindet oft ohne Erklärungen nach Jugoslawien. Die Mutter weiß nie, wann er zurückkehren wird. Eines Tages bringt er aus Belgrad den 10-jährigen Vili mit, der von nun an bei der Familie leben wird. Alma hasst den Jungen und ist eifersüchtig auf ihn ... 

    Die Geschichte ist zwar in sehr schöner Sprache erzählt, trotzdem empfand ich die Lektüre durch die spezielle Erzählweise als sehr anstrengend. Aus dem Klappentext ist nicht ersichtlich, dass es sich um ein Buch mit politischem Schwerpunkt handelt. Es beschreibt neben dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens und dem schrecklichen Krieg Almas Kindheit und Jugend sowie die komplizierte Beziehung zwischen ihr und Vili. Die Handlung vermochte mich nicht zu fesseln, sie springt hin und her, Ort und Zeit sind oft erst spät ersichtlich. Diese Zeitsprünge machten es mir manchmal schwer, die politischen Zusammenhänge zu verstehen. Ich empfand die Lektüre als herausfordernd und fand durch die distanzierte Darstellung der Protagonisten keinen Zugang zu ihnen. Insgesamt hat mich "Alma" enttäuscht, zumal ich nicht damit gerechnet habe, dass die politischen Geschehnisse derart viel Raum einnehmen würden.

    Ich empfehle das Buch allen Lesern, die sich für die politische Situation Jugoslawiens im 20. Jahrhundert interessieren.
    Wegen der schönen Sprache runde ich meine 2,5 Sterne auf 3 Sterne auf.

     
    Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen

    Christien Brinkgreve
    Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    18.02.2026

    Schmerzhafte Erinnerungen

    In ihrem Buch "Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen" erinnert sich die Niederländerin Christien Brinkgreve, emeritierte Professorin für Soziologie, an ihre langjährige Ehe mit dem Journalisten Arend Jan Heerma van Voss, den sie in ihrem Buch "A" nennt.

    Es ist ein kalter Tag im März 2022, die Beerdigung ihres Mannes liegt gerade hinter ihr, als die Ich-Erzählerin Christien feststellt, wie verwahrlost ihr Haus ist. Es wirkt unordentlich und ist vollgestopft mit unzähligen Büchern, Zeitschriften und allerlei Krimskrams. Nach den langen Jahren, in denen sie sich um ihren kranken Ehemann kümmerte, beginnt sie nun mit den dringend notwendigen Arbeiten. Das Aufräumen und Aussortieren fällt ihr anfangs schwer, es weckt nicht nur schöne Erinnerungen an ihre gemeinsamen Jahre.

    Als Christien und A sich in den späten Siebzigern kennenlernen, ist die junge Frau fasziniert von der Intelligenz und dem Humor des Juristen, der als Chefredakteur tätig ist. Sie verlieben sich ineinander und verbringen glückliche Jahre, nach der Hochzeit werden die beiden Söhne geboren. Christien, inzwischen Professorin für Frauenforschung, ist glücklich in ihrem Beruf und fühlt sich wertgeschätzt. Der häusliche Alltagsstress mit zwei Kleinkindern überfordert sie trotz der Unterstützung durch ein Kindermädchen und die beiden Töchter aus A's erster Ehe zusehends. A ist stolz auf seine erfolgreiche Frau, hatte aber heimlich darauf gehofft, dass sie sich nach ihrer Dissertation hauptsächlich ihm widmen würde. Die Ehe ist nicht mehr glücklich, das Paar ist zu verschieden, hat unterschiedliche Interessen. A, geprägt durch den frühen Tod seiner Schwester, ist melancholisch und launisch. Als er mit 64 Jahren pensioniert wird, stürzt seine Welt vollends ein, er fühlt sich überflüssig. Christien kommt mit seinem Pessimismus und seinen düsteren Stimmungen nicht zurecht und zieht sich immer mehr zurück.

    Mit schonungsloser Offenheit und klaren Worten beschreibt die Autorin ihre unglückliche Ehe und die zunehmende Entfremdung. Ich mochte Christien und habe nicht verstanden, dass die selbstbewusste Professorin sich ihrem dominanten Mann unterordnete, sogar auf sein Drängen hin ihr Haus verkaufte, das sie liebte, um in das Amsterdamer Zentrum zu ziehen.

    Ich habe das intelligente Buch, in dem die Autorin ihr Leben mit A Revue passieren lässt, trotz mehrerer Wiederholungen sehr gern gelesen, es hat mich berührt und erschüttert. Christiens innere Konflikte konnte ich gut nachvollziehen, sie zweifelt an ihrer Entscheidung, dieses Buch zu schreiben, fragt sich, ob sie als Mutter das Recht dazu hat. Während des Schreibens hinterfragt sie auch ihre Rolle in der Beziehung und in der Familie, und sie stellt sich die Frage, warum sie ihren Mann nicht verlassen hat.

    "Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen" ist ein sehr mutiges und sehr persönliches Buch, in dem es neben Trauerbewältigung und Aufarbeitung der Vergangenheit auch um Feminismus, Enttäuschung, Verzweiflung - und Liebe geht.

    Absolute Leseempfehlung!
    Jenseits der Wintersonne

    Veronica Skotnes
    Jenseits der Wintersonne (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    12.02.2026

    Beeindruckend und faszinierend

    In ihrem Buch "Jenseits der Wintersonne", das im Delius Klasing Verlag erschienen ist, erzählt die Autorin Veronica Skotnes von ihrer ein Jahr dauernden Reise entlang der äußersten Inseln der Finnmarkküste.

    Veronica wohnt seit drei Jahren auf einem Segelboot. Das Boot hat zwei Masten und vier große Segel, es wurde 1982 gebaut und ist 16 Jahre älter als sie. Drei Jahre lang segelte sie damit ganz allein in den Gewässern vor der Finnmark. Nun ist es Herbst, und sie wird sich aufmachen zu den Gegenden an der äußersten Küste am Nordpolarmeer.
    Es wird ein Reiseabenteuer, das sie an ihre Grenzen bringen wird, immer wieder gerät sie wetterbedingt beim Segeln in gefährliche und bedrohliche Situationen. An Land hat sie viele interessante Begegnungen, sie lernt die gastfreundlichen Bewohner der Inseln kennen, die ihr von ihrer Insel und deren Geschichte erzählen, von Sagen und Mythen. Manchmal bleibt sie länger an einem Ort und lernt die Bewohner dabei noch besser kennen. Die Fischer erzählen von ihren Problemen, es geht neben der schlechten Infrastruktur auch um die fehlende Trinkwasserversorgung, die Vermüllung des Meeres durch Plastik und den zunehmenden Angeltourismus.

    Die Autorin beschreibt nicht nur eindrucksvoll die Schönheit der Natur, sie lässt den Leser auch tief in ihre Gefühls- und Gedankenwelt blicken. Sie erzählt von ihrer Hoffnung, dem Familienfluch zu entrinnen, indem sie Abstand sucht von ihrer Familie, die auf den Lofoten lebt. Die selbstgewählte Einsamkeit auf See gibt ihr eine gewisse Sicherheit, sie gelangt aber auch zu der Erkenntnis, dass im Segeln auf dem offenen Meer nicht die von ihr ersehnte Freiheit liegt, da der Wind und das Wetter bestimmen, wann es wohin geht.

    Ich habe das Buch, das eine Mischung aus Reisebericht und ganz persönlicher Reflexion ist, sehr gern gelesen. Es war spannend und hochinteressant, Veronica auf ihrer Reise zu begleiten. Ich habe mit ihr gebangt und gezittert, wenn sie mit ihrem Boot in gefährliche Situationen geriet, und ich habe mich mit ihr gefreut, wenn ihr die Inselbewohner freundlich und offen begegneten.
    Besonders hervorheben möchte ich die wunderschöne und hochwertige Gestaltung des Buches. Das Covermotiv findet sich auch auf dem Einband wieder, im Innern finden wir 18 kunstvolle Illustrationen, die die Geschichten ergänzen.

    Absolute Leseempfehlung für dieses beeindruckende Buch, das so viel mehr ist als nur ein Reisebericht!
    Die Faszienlüge

    Matthias Manke
    Die Faszienlüge (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    04.02.2026

    Mythos "verklebte" Faszien

    In ihrem Buch mit dem etwas provokanten Titel "Die Faszienlüge" stellen die Orthopäden Dr. Matthias Manke und Dr. Patrick Julius den Hype um das Faszientraining samt umfangreichem Equipment auf den Prüfstand und gelangen dabei zu der Erkenntnis, dass die diversen Faszientools keinen nennenswerten Nutzen haben und bestehende Probleme sogar verschlimmern können.

    Das sehr schön und übersichtlich gestaltete, 176 Seiten umfassende Buch ist in vier Kapitel gegliedert:
    Im ersten Kapitel geht es nicht nur um den Bewegungsapparat, sondern auch um so wichtige Themen wie z.B. Stress, Atmung, Ernährung und Schlaf.
    Das zweite Kapitel widmet sich dem Aufbau, der Struktur und Funktion der Faszien sowie dem Mythos Faszientraining und dem Geschäft mit der Faszie.
    Im dritten Kapitel thematisieren die Autoren die Schmerzen im Bewegungsapparat sowie orthopädische Krankheitsbilder.
    Im vierten und letzten Kapitel "Bewegung hilft Muskeln, Faszien & Co." werden nicht nur die Themen Sitzen ("wer sitzt, verliert") und Bewegung behandelt, sondern auch ein 30 Übungen umfassendes Programm vorgestellt.

    Das Buch, das von viel Fachwissen und Kompetenz zeugt, hat mir sehr gut gefallen. Es liest sich flüssig, ist durch seine lebendige Sprache äußerst kurzweilig und auch für medizinische Laien wie mich gut verständlich. Viele Fotos und anschauliche Illustrationen ergänzen die informativen Texte.
    Die letzten 30 Seiten motivieren den Leser, selbst aktiv zu werden, denn hier werden von den Autoren 30 Übungen vorgestellt, die uns dabei helfen können, unsere Schmerzen zu lindern oder sogar ganz loszuwerden. Die Autoren agieren hier selbst als Vorturner, pro Seite gibt es eine Übung mit Fotos und ergänzenden Texten. Dieser Teil des Buches war besonders interessant für mich, auch wenn mir einige der Übungen bereits bekannt waren und mir die Nackengreiferübung vielleicht nie gelingen wird. Ein umfangreiches Equipment ist nicht erforderlich, eine gute Bodenmatte reicht, und Therabänder gehören schon lange zu meiner Ausstattung. Zwei der gezeigten Übungen erfordern einen großen Gymnastikball, der sich aber auch durch einen Stuhl ersetzen lässt. Für drei Übungen ist ein guter Gleichgewichtssinn erforderlich, hierbei stabilisiere ich meine eher wackelige Ausgangsposition, indem ich mich mit einer Hand an einem Tisch festhalte.

    Auf den ersten und letzten Seiten befindet sich ein Test, mit dem jeder feststellen kann, wie es um seine eigene Beweglichkeit bestellt ist. Ich muss gestehen, dass mich dieser Test teilweise etwas frustriert hat, doch ich bin optimistisch, mit den vorgestellten Übungen und der nötigen Disziplin wieder gelenkiger zu werden.

    Der Ratgeber hat mich inhaltlich vollends überzeugt, zumal ich mich selbst über Jahre mit unterschiedlichen Faszienrollen und -bällen malträtiert habe und keine Besserung meiner Beschwerden erzielen konnte.

    Absolute Leseempfehlung für diesen Ratgeber, der sicherlich für Aufsehen sorgen wird!
    Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel

    Alena Schröder
    Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    29.01.2026

    Fesselnde Geschichte

    Anfang 2021 begeisterte Alena Schröder mich mit ihrem Debütroman "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid", zwei Jahre später folgte ihr Buch "Bei euch ist es immer so unheimlich still", die Vorgeschichte ihres Debüts. Nun ist mit "Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel" der dritte Band der Reihe erschienen, in dem wir einigen Personen wiederbegegnen. Die Bücher können zwar unabhängig voneinander gelesen werden, ich denke aber, dass die Lesefreude gesteigert wird, wenn man die Hintergründe und familiären Zusammenhänge aus den ersten Bänden bereits kennt. Die Autorin erzählt die Geschichte auf zwei miteinander verflochtenen Zeitebenen.

    Güstrow 1945: Die 14-jährige Marlen versteckt sich nach dem Tod ihrer Mutter und ihres kleinen Bruders aus Angst vor den näher kommenden Russen in einer Kommodenschublade im alten Försterhaus. Sie wird von der Malerin Wilma gerettet, die sie mit in ihr Haus nimmt und später adoptiert. Gemeinsam mit Wilmas Haushälterin Burgi leben die Frauen unter einem Dach. Marlen unterstützt sie im Alltag und wird durch Wilma an die Kunst des Malens herangeführt.
     
    Berlin 2023: Das Leben der 34-jährigen Hannah, die als Projektleiterin in einer Menschenrechtsorganisation arbeitet, ändert sich, als ihre beste Freundin und Mitbewohnerin Rubi ihr eröffnet, dass sie ausziehen wird. Sie ist schwanger und wird mit ihrem Freund aufs Land ziehen. Hannah ist nicht lange allein, da ihre Kollegin Ulrike sie überredet, ihren Neffen Justus übergangsweise als Untermieter aufzunehmen. Sie gerät in einen inneren Konflikt, als sich ihr Vater, der immer eine Leerstelle in ihrem Leben war, völlig überraschend mit ihr in Verbindung setzt und sie einlädt, ihn und seine Familie zu besuchen.

    Die Geschichte hat mich vom Beginn bis zum stimmigen Ende gefesselt und berührt. Ich mag den schönen und intelligenten Sprachstil der Autorin und die Art, wie sie die interessanten Charaktere beschreibt, uns in ihre Gedanken- und Gefühlswelt eintauchen lässt. Nicht nur die beiden Hauptpersonen Marlen und Hannah, auch die Nebenfiguren Burgi, Rubi, Justus, Rüdiger und Lukas sind ganz wunderbar und authentisch skizziert. 
    Meine Lieblingsfigur war die junge Marlen, die sich über Jahre Wilmas Wünschen unterordnet und aus Pflichtgefühl darauf verzichtet, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Ich mochte aber auch Hannah, die erst lernen muss, sich durchzusetzen. Sie ist durch das Auftauchen ihres Vaters total verunsichert und weiß nicht, ob sie ihm glauben und vertrauen kann.

    Ich fand es schade, dass das Ölbild, das in Marlens Leben eine so wesentliche Rolle spielte, im Erzählstrang um Hannah eher nebensächlich war. Dennoch habe ich die ruhig erzählte Geschichte, in der es neben Familie und Freundschaft auch um Schuld und Verrat, Lügen und Geheimnisse geht, gern gelesen und empfehle sie weiter!
    26 bis 50 von 375 Rezensionen
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