Spannend, aktuell, temporeich
Der ehemalige finnische Ministerpräsident Leo Koski hat Finnland und der Politik den Rücken gekehrt und sich mit seiner kleinen Tochter Daniela in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington in einem festungsgleichen Haus regelrecht eingeigelt. Nach den tragischen Ereignissen in Helsinki, die Leo persönlich tief getroffen haben, besteht sein Alltag heute vornehmlich darin, Daniela bestmöglich zu beschützen.
Nur sehr zögerlich leistet er daher einer Einbestellung des Präsidenten Chester Tyler ins Weiße Haus Folge. Während Leo im Vorzimmer des Oval Office darauf wartet, zum Präsidenten vorgelassen zu werden, erhält er die Nachricht auf sein Handy, dass seine Tochter entführt wurde. Die Kidnapper verlangen von Leo, dass er das Vorhaben des Präsidenten, umgehend aus der NATO auszutreten, forciert, ansonsten stirbt Daniela.
Leo, von dem die finnische Staatsführung und die gesamte EU erwarten, dass er den Präsidenten eines Besseren belehrt und den Austritt der USA aus der NATO unbedingt verhindert, steckt damit in einer grausamen Zwickmühle - um Daniela zu retten, muss er sein Vaterland verraten. Die sowieso schon fatale Situation läuft völlig aus dem Ruder, als Chester Tyler während des Treffens mit Leo vergiftet zusammenbricht…
„In den Fängen der Verräter“ ist der dritte Teil der „Leo-Koski-Reihe“ - Tuomas Oskari wartet auch diesmal wieder mit einer raffiniert gestrickten Geschichte auf, die mein Kopfkino schon nach wenigen Seiten auf Hochtouren laufen lassen hat. Der Autor versteht es sehr gut, die vielfältigen Situationen greifbar darzustellen, so dass es mir ganz leicht gefallen ist, in die Handlung einzutauchen und mit den Akteuren mitzufiebern.
Durch seine Arbeit als Journalist und Auslandskorrespondent kennt Tuomas Oskari sich in der Welt der Politik sehr gut aus und verfügt über jede Menge interessantes Hintergrundwissen, so dass er seine Thriller ganz nah an der Realität spielen lassen kann. Mit einem möglichen Austritt der USA aus der NATO stellt er ein genauso aktuelles wie brisantes Thema in den Mittelpunkt und lässt seine Leser miterleben, welche Auswirkungen ein US-Rückzug hinter den Kulissen und gleichzeitig für die Welt haben könnte.
Die Handlung bietet alles, was einen Politthriller so richtig spannend macht: kriminelle Machenschaften lenken den politischen Alltag. Es werden Intrigen gesponnen und moralische Grenzen überschritten. Globale Verwicklungen sorgen dabei genauso für ein lebhaftes und abwechslungsreiches Geschehen wie das zwielichtige Gerangel von Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten. Die zum Teil dramatischen Entwicklungen - Tuomas Oskari scheut sich nicht, seinen Protagonisten an den Rand der Belastbarkeit zu drängen - verleihen der ohnehin schon fesselnden Handlung dabei noch zusätzliche Spannung. Noch vor ein paar Jahren hätte ich ein Szenario, wie der Autor es hier schildert, als reine Fiktion wahrgenommen, mittlerweile kann ich mir allerdings gut vorstellen, dass die Dinge in Washington ähnlich ablaufen könnten.
Besonders gut gefallen hat mir, dass Tuomas Oskari die politischen Aspekte und Wirren sehr anschaulich und auch für Laien verständlich erläutert, so dass man alles auch ohne einschlägige Kenntnisse bestens mitverfolgen kann.
Vermisst habe ich dagegen die psychologische Tiefe und die emotionale Kraft, die mich im ersten Band der Reihe so begeistert haben. Die Ansichten der Charaktere, ihre inneren Konflikte und Widersprüche werden hier bei Weitem nicht so überzeugend dargestellt, wie in „Tage voller Zorn“.