Maßstab für alle Scriabin-Einspielungen!
Diese Rezension ist für die 3-CD-Box von Warner aller Skriabin-Sinfonien geschrieben. Alles hier Gesagte gilt aber natürlich auch für die Auskopplung der zweiten Sinfonie und "poeme de l´extase":
Skrjabins Sinfonien sind Schmerzensgeburten - auch oftmals für Dirigenten, Orchester ... und angesichts mancher Aufführungen auch für Hörer!
In diesem zweiten von Evgeny Svetlanov dirigierten und diesmal von Warner veröffentlichen Zyklus aller 5 Sinfonien (eben mit den beiden Poème) und einer Reverie stimmt alles - und damit meine ich, dass die Vorzüge derart überwiegen, dass eventuelle kleine Mängel völlig bedeutungslos sind.
Svetlanov hat schon 1963 einmal für Schallplatte des ganzen sinfonischen Skrjabin aufgenommen. Dieser Zyklus ist bei Melodya veröffentlicht. Der Vorteil der neuen digtalen Mitschnitte von 1996 ist schon einmal eindeutig die Aufnahmetechnik und der Klang der Aufnahme. Skrjabins Musik lebt zum großen Teil von der innlichen Klangerfahrung und da ist ein Klangbild, das die Tiefe des Raums mit einbezieht und das auch kein Band-Hiss (also Rauschen) trübt, ein unschätzbarer Vorteil. Zudem ist eine Besonderheit Svetlanovs, dass er ein untrügliches Gespür für eine möglichst mächtige Klangentfaltung seines Russichen Staatsorchesters, besonders aus der Tiefe heraus, hat. In all diesen Punkten ist die "neue" Einspielung der aus den 60igern weit überlegen.
Balance, Klangfarbe, Tiefenstaffelung, Dynamik, Wärme und Fülle der Orchesters sind für meine Ohren in diesen Aufnahmen quasi perfekt realisiert!
Muti und Sinopoli haben sicherlich die noch besseren Orchester, aber nicht die Klarheit, Durchdringung und auch Spannung und Kraft für diese weit gespannten Werke. Zudem sind die Aufnahmen technisch für meine Ohren nicht so glücklich geraten.
Was macht diese Spannung und die Bögen aus? Beide Italiener setzen meines Empfindens nach sehr auf den sinnlichen Effekt, auf das Rauschhafte. Aber sie nehmen Skjabin damit nicht ganz und gar Ernst, vertrauen ihm bzw. dem Werk nicht völlig, denn DAS Sinnliche ist nur EIN Aspekt bei Skrjabin, dem die Struktur und die "Arbeit" der Durchführung genauso wichtig waren. Bei ihm sind Themen und Motive immer auch mit einem komplexes harmonischen Geschehen verknüpft - z.B. im Seitenthema des ersten Satzes der Dritten. Für dessen Wahrnehmung braucht der Hörer Zeit eine gewisse Zeit, welche Dirigenten, die dafür nicht das Ohr haben, diesem organischen Entfalten nicht geben. Es ist auffällig, wie breit die Zeiten Svetlanovs sind - auch schon gegenüber seines eigenen ersten Zyklus.
Svetlanov habe ich durch seine Aufnahmen der zweiten und vierten Sinfonie von Hugo Alfvén richtig schätzen gelernt. Auch bei Skrjabin höre und fühle ich tiefstes Verständnis, Übersicht, eine bewusst kalkulierte klangliche "Unschärfe" des Orchesters, welche ähnlich wie bei Furtwängler Schönheit, Sinnlichkeit und Fülle des Klangs befördern.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das zu überbieten ist ...
Ein persönliches Wort zur dritten Sinfonie:
Die Dritte ist für mich DAS sinfonische Meisterwerk Skjabins - trotz der beiden später entstandenen und ungleich öfters gespielten "Poème de l'extase" und "Poéme du feu". Hier hat sich seine Freiheit ganz und auch seine Harmonik im Grunde großteils entfaltet (trotz der deutlichen Nähe zur "Götterdämmerung"), aber noch bremst nicht dogmatisch Starre die volkommen überzeugende thematische Entwicklung! Natürlich gibt es in den Poeme's noch modernere Klänge und in der Statik auch Faszinierendes - aber das ist dann ein ganz anderer Skrjabin ...
Selten äußere ich mich mal so persönlich über ein Stück, aber über die Dritte ist so viel Unsinn geschrieben worden (auch andernorts bei Amazon), gerade im Vergleich zu den beiden schönen hoffnungsvollen, aber doch noch nicht ausgereiften ersten Sinfonien.